Japan - Korea - Vietnam
Lernen im Zeichen des Drachen oder Pax Nipponica?
2. Teil - Von Rainer Werning
Im ersten Teil seines Artikels (nachzulesen in ak 358, S. 27) befaßte sich Rainer Werning mit Japan, das nach Wiederherstellung seiner ökonomischen Machtstellung in Ost- und Südostasien nunmehr dabei ist, eine regionale politische "Ordnungsmacht" ersten Ranges zu werden.
"Modell (Süd)Korea"?
Nach 35jähriger brutaler japanischer Kolonialherrschaft, unter der selbst das Sprechen der Landessprache verboten war, nach zweimaliger Verwüstung und Zerstörung des Landes infolge des 2. Weltkrieges und des dreijährigen - internationalisierten - Bürgerkrieges (1950-53) ist Korea - sprich: dessen südlicher Teil, die Republik Korea - unter Entwicklungspolitikern und -theoretikern unterschiedlicher Couleur der Wunderknabe einer erfolgreichen sog. nachholenden Entwicklung. Diese Bewunderung geht so weit, daß vielfach vom "Modell Südkorea" gesprochen wird. Tatsächlich hat das Land in den vergangenen dreißig Jahren eine rasante Veränderung erlebt, in dessen Verlauf es von einem einst extrem rückständigen Agrarland zur Nummer 7 der Welthandelsnationen mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von annähernd 6.500 US-Dollar - höher als in Griechenland - aufstieg. Augenfälliges Zeugnis dieses Wandels ist die Entwicklung Seouls von einem unscheinbaren Städtchen zu einer, mittlerweile 10 Millionen EinwohnerInnen zählenden, glitzernden Metropole. Das Land-Stadt-Verhältnis hat sich total umgekehrt; heute lebt über ein Viertel der Bevölkerung in den Städten.
All dies verdankte sich im Kern dem Zusammenwirken spezifischer in- wie externer, Faktoren:
a) der Exekutierung einer rigiden zentralistischen Wirtschaftsplanung durch die Verschmelzung einer kompetenten Staatsbürokratie mit einem während des Korea-Krieges (1950-53) kampferprobten Militär;
b) der herausragenden Bedeutung des Landes im geo- und militärstrategischen Kalkül der USA ("Frontstaat" gegen den Kommunismus auf dem asiatischen Festland), was die Gewährung - anfänglich kostenloser - umfangreicher wirtschaftlicher wie militärischer Hilfe zur Folge hatte;
c) dem Rückgriff auf die Instrumentalisierung von konfuzianisch geprägten, streng hierarchisch strukturierten sozialen Beziehungen im Sinne (wirtschafts)politischer Effizienz und
d) der bis heute andauernde, aus der vermeintlichen "Gefahr einer Aggression seitens Nordkoreas" hergeleitete Ausnahmezustand mit dem Nationalen Sicherheitsgesetz (20) und der langjährigen "Über"ausbeutung/Unterdrückung der Ware Arbeitskraft als seinen Hauptkomponenten.
Die globalstrategischen Überlegungen der USA nach dem 2. Weltkrieg, ein weiteres "Abdriften" der Länder Ost- und Südostasiens in den Machtbereich des Kommunismus zu verhindern, und Japan als Leitbildfunktion sorgten für die Integration der regionalen Ökonomien in das kapitalistische Weltsystem. Diese besonderen historischen Konstitutionsmerkmale des "Modells Südkorea" machen die mitunter in der entwicklungspolitischen und -theoretischen Diskussion als realistisch angenommene Übertragbarkei auf andere Länder der Dritten Welt als Generalschlüssel zu deren jeweiliger Krisenlösung per se fragwürdig. Als Kontrast zu der "zeitgeistigen" neoliberalen Freihandels- und Marktwirtschaftsideologie à la IWF und Weltbank - sprich: Entstaatlichung, Deregulierung und Privatisierung - lieferte das "Land der Morgenstille" den nachgerade klassischen Gegenbeweis für den "Erfolg" einer staatlich kommandierten und partiell von Außenmärkten abgeschotteten Entwicklung.
In den vergangenen drei Jahrzehnten zeichnete sich die südkoreanische Ökonomie durch enorme Exporterfolge und hohes Wachstum aus: Die durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts betrugen 9,2 Prozent in den 60er, 7,7 Prozent in den 70er und 9,6 Prozent in den 80er Jahren. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes war die Handelsbilanz im Jahre 1985 positiv ausgefallen, so daß es Seoul seitdem glückte, seine - absolut betrachtet - hohe Auslandsverschuldung von 46,762 Mrd. USDollar (1985) bis zum Frühjahr 1989 signifikant auf 28,5 Mrd. Dollar zu senken (21) - dies innerhalb eines Zeitraums, in dem sich z.B. die Schuldenspirale in den lateinamerikanischen Ländern in einer für sie hoffnungslosen Weise nach oben drehte.
Entscheidend für diese Erfolgsstory war eine in den 50er Jahren durchgeführte Agrarreform, die im Zuge des Industrialisierungsprozesses die Herausbildung einer national orientierten Bourgeoisie auf Kosten einer politisch wie ökonomisch schrittweise entmachteten Agraroligarchie begünstigte. Gleichzeitig sorgte der Staat als "eine Art Koordinationsinstanz" für die Verknüpfung von selektiver Importsubstitution und selektiver Exportorientierung (22), indem dem Ausbau der Konsumgüterindustrie in den 60er Jahren der Aufbau von Produktionsmittel- und schließlich Kapitalgüterindustrien - jeweils mit massiver staatlicher Unterstützung - folgte. Die Schaffung eines fast vollständig vis-à-vis der Auslandskonkurrenz abgeschirmten, lediglich den gezielten Import von Komplementärgütern (deren lokale Produktion noch nicht möglich war) zulassenden Binnenmarktes korrespondierte mit einer umfassenden staatlichen Exportförderung. Garantiert wurde diese durch hinreichend realistische Wechselkurse, Stärkung der materiellen wie immateriellen Infrastruktur und durch eine im großen Stil, doch zugleich kontrolliert und selektiv betriebene Einfuhr von Kapitalgütern und Zulassung von Direktinvestitionen. (23) Der in makroökonomischen Kennziffern ausgedrückte Erfolg dieser Politik blieb ungetrübt, solange er sich im Kielwasser US-amerikanischen Schutzes bewegte und intern die Befriedung von Prostest- und Widerstandspotentialen ohne nennenswerte Erschütterungen der politischen Stabilität und des sozialen Friedens verlief.
Als zu Beginn der 90er Jahre das südkoreanische Exportvolumen infolge der Nachwirkungen der sog. "three lows" (24) die 60 Milliarden-Dollar-Marke überschritt und sich kräftige Handels- wie Zahlungsbilanzüberschüsse einstellten - allein im USA-Geschäft realisierte sich ein Handelsbilanzüberschuß von über 10 Mrd. Dollar -, drängte Washington die seit Februar 1988 amtierende Regierung Roh Tae Woos wiederholt, nunmehr Importbeschränkungen abzubauen, Zollschranken zu senken und den Won aufzuwerten - allesamt Maßnahmen, die seit 1986 auch der IWF als notwendig erachtete. Im einzelnen fallen darunter:
- Lockerung der staatlichen Kontrollen über die Niederlassung internationaler Banken, das heißt mehr Autonomie für die Geldinstitute;
- Förderung der Internationalisierung des koreanischen Kapitalmarktes, das heißt einen größeren Spielraum für ausländische Investoren (z.B. auf dem Aktienmarkt);
- Liberalisierung der Einfuhrbestimmungen, z.B. durch die Öffnung des Binnenmarktes für ausländische Erzeugnisse (25);
- sukzessive Zollsenkungen von 22 (1984) auf angestrebte fünf Prozent;
- Mechanismen zur Verbesserung der Zahlungsbilanz, d.h. Reduzierung deren hoher Überschüsse (26) sowie
- allgemeine Erleichterungen für ausländische Direktinvestitionen. (27)
Diesen "Empfehlungen" wird sich Seoul auf Dauer schwerlich widersetzen können - mit unabsehbaren sozialen und politischen Konsequenzen. Die Behauptung, der südkoreanische "Drache" zöge durch seine wirtschaftliche Dynamik automatisch die erwünschte Verteilungsgerechtigkeit nach sich, gilt es noch zu untermauern: Eine im Juni 1990 veröffentlichte Statistik zeigt, daß noch 7,7 Prozent der südkoreanischen Bevölkerung unterhalb der absoluten Armutsgrenze leben, die bei einem Monatseinkommen von 48.000 Won (etwas über 100 DM) liegt. (28)
Das Hauptproblem der 1980 proklamierten "koreanischen Wohlfahrtsgesellschaft" sind die durch hohe Militärausgaben verursachten Finanzlasten: Seoul gibt jährlich für das Militär rund sechs Prozent seines Bruttosozialprodukts aus, während diese Ausgaben in Japan nur gut ein Prozent betragen. Selbst Brasilien verwandte 1986 nur 3,1 Prozent seines Staatsbudgets für Militärzwecke, in Südkorea indes machten diese im gleichen Jahr 29,2 Prozent aus. Unter solchen finanzpolitischen Bedingungen bleibt abzuwarten, ob sich eine Sozialstaatlichkeit als notwendige Voraussetzung für die Gewinnung von Massenloyalität einstellen kann.
Neben dieser finanzpolitischen Belastung ist häufig der Mangel an technologischen Innovationen diskutiert worden, der den Aufstieg Südkoreas zur (neo)fordistischen, mit einem engmaschigen Sozialnetz ausgestatteten Industriegesellschaft verhindern könnte. "Weil die südkoreanische Industrie zur Zeit rund 70 Prozent des technologischen Niveaus der westlichen Industrienationen erreicht", konstatiert der koreanische Soziologe D.-Y. Song, "und die Exportwirtschaft zunehmend dem Konkurrenzdruck aus anderen ,Schwellenländer` unterworfen ist, kündigte die Regierung in Seoul an, den gegenwärtigen Ausgabenanteil für Forschung und Entwicklung am BSP von derzeit 2,1 auf 3-4 Prozent bis 1996 zu erhöhen. (29) Die Zielsetzung, den Kern neuer Technologie wie z.B. Design zu entwickeln, setzt gleichermaßen ein neues Bezugssystem verbesserter Grundlagenforschung, Bildung und Beschäftigungspolitik voraus. Soweit das Sozialsystem nur als ein abhängige Variable der Technologie verstanden wird, wie die Losung ,Errichtung der Nation durch Technologie` (Gishulripkuk) expliziert, steht die erhoffte Problemlösung aus" (30).
Im laufenden Fünfjahresplan (1992-96) strebt die Regierung außer der Aufstockung des Etats für Forschung und Entwicklung u.a. als Reaktion auf stagnierende ausländische Kapitalinvestitionen eine deutliche Steigerung der Spar- und Investitionsquote an. Ferner beabsichtigt die Seouler Wirtschaftsplanungsbehörde, die Kreditkontrollen und Steuervergünstigungen für die Wirtschafts- und Finanzkonglomerate (Chaebol) zu streichen. Trotz aller Unwägbarkeiten, die aus rückläufigen ausländischen Investitionen, dem Lohnanstieg und wachsenden Verlangen nach demokratischen Reformen, dem international verstärkten Druck in Richtung weiterer Liberalisierung vor allem der Finanzmärkte, der sinkenden Nachfrage auf den wichtigsten Absatzmärkten für südkoreanische Produkte sowie aus exorbitant steigenden Bodenpreisen im Lande selbst resultieren, verfügt Seoul noch immer über Instrumente zur Gegensteuerung.
Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit sämtlichen einst engsten Verbündeten Pjöngjangs sind zudem die Perspektiven für ein "Einklinken" Südkoreas in eine stärker Konturen gewinnende Süd-Politik günstig. Im Rahmen ihrer Jahrestagung haben die Wirtschaftsminister der Vereinigung südostasiatischer Nationen Anfang Oktober 1991 in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur u.a. die alsbaldige Errichtung eine Informations- und Konsultationsforums der ostasiatischen Länder (EAEC) avisiert, für das neben China und Japan auch Südkorea, Taiwan, Hongkong und die Indochinastaaten Vietnam, Laos und Kambodscha sowie Myanmar (Burma) als Mitglieder gewonnen werden sollen. Ließe sich dieses Projekt konkretisieren, fiele der ASEAN die Rolle des Katalysators eines um Ostasien vergrößerten Wirtschaftsraumes zu, der über die Hälfte der Weltbevölkerung umfaßt.
Derweil insistieren die USA, Kanada, Australien und Neuseeland auf die innere Festigung des vor vier Jahren geschaffenen Forums zur asiatisch-pazifischen Wirtschaftskooperation (APEC), dem seinerseits als Mitglieder Japan, Südkorea und die sechs ASEAN-Länder angehören. China, Hongkong und Taiwan sind dazugestoßen, während die lateinamerikanischen Pazifikanrainer Mexiko, Chile und Peru ihr Interesse an Aufnahme signalisierten. Die ASEAN drängt allerdings auf das EAEC-Projekt als Gegengewicht, um den Asiaten insgesamt eine gewichtigere Stimme zu verleihen. Bedenkt man, daß Südkorea allein der Sowjetunion um die Jahreswende 1990/91 einen drei Milliarden US-Dollar umfassenden Mischkredit einräumte und z.B. verstärkt auf den Philippinen qua Direktinvestitionen und Ausbau der Handelskontakte Flagge zeigt, so stehen für Seoul die Chancen nicht schlecht, selbst bei einem Scheitern der Uruguay-Runde und der dadurch möglicherweise verstärkten protektionistischen Tendenzen seine interne Wirtschaftsdynamik beizubehalten, sich neue Märkte für seine ungebrochen boomende Exportindustrie zu erschließen und mittelfristig Lohnauseinandersetzungen / Verteilungskonflikte zu dämpfen.
Entwicklung des Kapitalismus contra Humanismus
Gegen Seouls Politik und die mit ihr beschleunigt transportierten Botschaften aus Japan und den USA (veränderte Lerninhalte/Erziehungsmethoden in Bildungseinrichtungen, Filme, Magazine etc.) hat es seit der Machtübernahme durch das Militär zu Beginn der 60er Jahre massive landesweite Proteste gegeben. Als sich später der Textilarbeiter Chun Tae-Il mit den Worten "Wir sind doch keine Maschinen, wir sind Menschen" selbst verbrannte, war dies das Fanal zum Aufbau einer unabhängigen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Durch die Medien ist uns im Zuge der Olympischen Sommerspiele in Seoul (1988) das Bild steinewerfender Studenten und knüppelnder, martialisch ausgerüsteter Polizisten vertraut geworden. Als Träger dieses Widerstandes versteht sich seit zwei Jahrzehnten das Minjung - zusammengesetzt aus Min (Volk) und Jung (Masse) -, das seitdem eine eigene Kultur des Widerstandes geprägt hat. So gibt es beispielsweise Minjung-Schriftsteller wie den bekannten Poeten Kim Chi-Ha und eine Minjung-Theologie, die sich als genuin koreanische Antwort auf die maßgeblich in Lateinamerika ausgeformte Theologie der Befreiung versteht. Über die Definition von Minjung wird in Korea bis heute debattiert. Annäherungsweise mag das Wort mit "die da unten" übersetzt werden, womit die politisch Ausgegrenzten, wirtschaftlich Benachteiligten, kulturell Entfremdeten und sozial Deklassierten gemeint sind. Da der Terminus Minjung offensichtlich klassen- und schichtübergreifend ist, bleibt er mit marxistischen Kategorien nicht faßbar, wonach sich das (Industrie-)Proletariat der bourgeoisen Herrschaft entledigt und die Gesellschaft sozialistisch umgestaltet. (Das extrem antikommunistische Klima Südkoreas ließ es nicht einmal zu, daß im Diskurs der Intellektuellen auf sozialistisches Schrifttum zurückgegriffen werden konnte; bis Mitte der 80er Jahre war beispielsweise die Lektüre von "Das Kapital" unter Androhung einer Haftstrafe verboten. Ganz zu schweigen von Büchern/Broschüren aus Nordkorea, deren Besitz oder Studium das Odium von Landesverrat/Spionage anhaftete.)
Jenseits hitziger Debatten, die um die Fragestellung kreisen, ob Südkorea bereits als eigenständiger oder von den USA und Japan abhängiger Monopolkapitalismus zu betrachten sei, oder ob nicht vielmehr die Transformation der Gesellschaft durch eine antiimperialistische, nationaldemokratische Revolution erfolgen müsse (eine von Nordkorea beeinflußte Interpretation), eint die breitgefächerte außerparlamentarische Minjung-Bewegung die Verwerfung des "westlichen Modernismus" und das Rückbesinnen auf traditionale Wertvorstellungen. Westlicher Modernismus meint in diesem Zusammenhang die von außen erzwungene Gleichzeitigkeit von militärisch gestützten Machtapparaten/Machtcliquen und Inszenierungen eines amerikanisierten Kulturbetriebes. Dies zu überwinden und das Minjung in einer Gesellschaft aufzuheben, welche die Entfaltung des Vielfältigen jenseits sich ausschließender Konstrukte wie Rechts versus Links, Kapitalismus kontra Sozialismus ermöglicht, bleibt ein beherrschendes Thema unter den sozialen Bewegungen.
So heftig in ihnen die Kritik an den herrschenden Verhältnissen ausfällt, so schwierig gestaltet sich bis dato ihr Versuch, eine konkrete Alternative zu entwerfen und dieser mit vereinten Kräften politische Schubkraft zu verleihen. Auffällig - und keineswegs zufällig - an der praktizierten Kritik ist die gewählte, stets beliebter werdende und größere Resonanz findende Form - der Maskentanz. Masken boten dem gemeinen Volk in der traditionellen Gesellschaft Koreas die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen und seine ikonographischen Attacken gegen die institutionalisierte, ritualisierte höfische Kultur mit denen gegen das politische System und die es repräsentierenden Personen zu verknüpfen. Was die Alternative betrifft, so mag sich - nicht zuletzt mit Blick auf die gewachsenen Mittelschichten - eine interessante Verschmelzung von Minjung und Shimin (Bürger) und das Verknüpfen großer Entwürfe (Sozialismus, Wiedervereinigungsproblematik) mit den alltäglichen Erfordernissen aktiver Bürgerrechtsbewegungen anbahnen. Meinte Shimin lediglich den Städter, so wird es heute in Verbindung mit Shimin uishik (Bürgerbewußtsein) und Shimin undong (Bürgerbewegung) u.a. von Umweltschutzgruppen, Frauenorganisationen und Komitees für soziale Gerechtigkeit als Chance begriffen, eine zivile und humane Gesellschaft zu entwickeln. Auf diese Weise könnte ein von unten organisierter Prozeß einsetzen, der den lähmenden Regionalismus überwindet, die Personalisierung (anstelle programmatisch begründeter) Politik beendet und die Verkrustungen des Militärischen aufbricht.
Vietnam - "the last frontier"
Look east! - diesen in den 80er Jahren in Singapur und Malaysia offiziell geprägten Slogan, dem Vorbild Japans nachzueifern, haben sich in Südostasien zuletzt die Philippinen und Vietnam zu eigen gemacht. Während der seit Sommer 1992 amtierende neue Präsident Fidel V. Ramos nach dem Abzug der letzten GIs aus der Subic Naval Base damit vorrangig Japan meint, geht Hanoi darüber hinaus und erhofft sich im Zuge seiner auf dem 6. Parteitag der Kommunistischen Partei Vietnams (Dezember 1986) verkündeten Erneuerungs- und Reformpolitik (Doi Moi) ein gleichermaßen starkes politisches wie wirtschaftliches Engagement Europas und der USA in Vietnam.
Um die Jahreswende 1992/93 veröffentlichte die in Hamburg erscheinende Wochenzeitung "Die Zeit" einen Bericht über Vietnam, der in Anlehnung an einen vor gut 20 Jahren sattsam skandierten Schlachtruf die Überschrift "Ho-Ho-Ho Chi Honda" trug. Hatte der Revolutionär Ho Chi Minh unter dem Banner der volksdemokratischen Revolution die Parole ausgegeben "Nichts ist kostbarer als Unabhängigkeit, nichts ist wertvoller als Freiheit", so sehen sich seine Epigonen heute mit dem Dilemma konfrontiert, ihre im siegreichen Kampf gegen die mächtigste Militärmacht der "freien Welt" gewonnene Unabhängigkeit notgedrungen zu überdenken. Nach Jahren der von Washington (entgegen ursprünglich zugesagter Wiederaufbauhilfe) praktizierten und im Westen weitgehend unterstützten Wirtschaftsblockade, nach militärischen Auseinandersetzungen mit China (Februar 1979), dem Einmarsch ins Nachbarland Kambodscha (Dezember 1978) und dem Zusammenbruch des einstigen engsten Verbündeten und mit jährlich umgerechnet etwa zwei Milliarden US-Dollar spendabelsten Kreditgeber, der Sowjetunion, befindet sich Vietnam in einer überaus prekären Lage. Die ohnehin immensen Nachkriegsprobleme (Demobilisierung der Thieu-Armee, Flüchtlinge, Drogensucht, Kriegsversehrte und -waisen, Prostitution und Verwüstung weiter Landstriche) wurden verstärkt durch wirtschaftliche Schwierigkeiten, die sich einstellten, als Hanoi über ein rasches Kollektivierungsprogramm in der Landwirtschaft hinaus den Süden im Zeitraffermanier nach seinem Ebenbilde umformen wollte. Hunger, Desorientierung, Bauernproteste, Menschenrechtsverletzungen, Apathie, auswuchernder Bürokratismus und grassierende Korruption waren die Folge und führten dazu, daß südliche Einflüsse den Norden "kontaminierten", anstatt in umgekehrter Richtung zu wirken.
Hintergrund der 1986 eingeleiteten Reformpolitik ist einerseits das Scheitern des vom ehemaligen KPV-Generalsekretär Le Duan so bezeichneten "Systems der kollektiven Herrschaft" und zum anderen die Bereitschaft jüngerer Parteikader, die Parteipolitik den außenpolitischen Neukonstellationen anzupassen, um wenigstens den Führungsanspruch im Lande zu wahren.
Die Einstellung der Kollektivierungspolitik hat zu einer sozialen Differenzierung geführt und das Entstehen von freien Bauernwirtschaften, die aus den Produktionsgenossenschaften ausgeschert sind, Privatunternehmern, freiberuflichen Handwerkern, Kleinhändlern und unabhängigen Intellektuellen begünstigt. Die Bestimmungen für Reisen innerhalb des Landes sind ebenso gelockert worden wie die vormals rigiden Medienkontrollen. Andererseits ist im Zuge der Reformpolitik das soziale Netz grobmaschiger geworden; Subventionen im Bildungs- und Gesundheitsbereich wurden gedrosselt. Vietnam galt selbst in Kriegszeiten als Vorbild für die Dritte Welt, was die effektive Gesundheitsversorgung seiner Bevölkerung und die niedrige Analphabetenrate betraf. Inoffizielle Schätzungen gehen davon aus, daß heute weit über die Hälfte der Landbevölkerung weder lesen noch schreiben kann.
Die von der Nationalversammlung im April 1992 verabschiedete neue Verfassung relativierte zwar die Rolle der Partei und den Charakter des Staates - die KPV ist nunmehr in Staat und Gesellschaft "die führende Kraft", aber eben nicht die einzige; statt "Staat der proletarischen Diktatur" heißt es jetzt "Staat des Volkes, vom Volk (geführt) und für das Volk" -, bricht aber im wirtschaftlichen Bereich radikal mit der Vergangenheit. Sämtliche einst für unverrückbar gehaltenen Prinzipien einer sozialistischen Planwirtschaft sind verschwunden. Statt dessen wird eine freie Marktwirtschaft mit Beteiligung vieler Sektoren propagiert, und § 21 und § 22 garantieren die unbegrenzte Entfaltung von Privatunternehmen sowie den Schutz vor Auslandsinvestitionen. Geblieben ist einzig der rhetorische Hinweis, diese wirtschaftliche Kehrtwende vollziehe sich (jedenfalls soll sie das) im Rahmen der "sozialistischen Orientierung".
Diese Zäsur hat im Ausland reges Interesse geweckt, sich in dem nach Indonesien bevölkerungsreichsten Land Südostasiens zu engagieren. Vietnam mit seinen 67 Millionen EinwohnerInnen ist reich an Ressourcen wie Öl, Kohle, Eisenerzen, Bauxit, Zinn und Gold, verfügt über eine 1.700 km lange Küste, billige und willige Arbeitskräfte und verspricht künftig ein aufnahmefähiger Markt zu werden. Es waren Anrainer wie Taiwan und Hongkong, die bislang das Gros ausländischer Direktinvestitionen in Vietnam tätigten. Doch es blieb Japan vorbehalten, sich als Großmacht nicht nur schrittweise der US-amerikanischen Blockadepolitik zu entziehen, sondern mit einer gezielten diplomatisch-politischen und wirtschaftlichen Offensive Vietnam (regional)politisch "hoffähig" und sich insgesamt für den Wirtschaftsaufbau und die Konsolidierung der Staaten Indochinas (Vietnam, Kambodscha, Laos) stark zu machen.
Japan wird wichtigster Handelspartner
Schon im September 1973 hatte Tokio mit der damaligen Demokratischen Republik Vietnam diplomatische Beziehungen auf Botschafterebene aufgenommen. Als Japans Außenminister Taro Nakayama Mitte Juni 1991 Vietnam bereiste - der erste Besuch dieser Art seit 1973 - war Japan mit rund 1 Mrd. US-Dollar bereits der wichtigste Handelspartner des südostasiatischen Landes. Ende des darauffolgenden Jahres (November 1992) beschloß das japanische Kabinett die Wiederaufnahme voller Wirtschaftshilfe an Vietnam - umgerechnet ca. 400 Mio. US-Dollar, mit nur 1%iger Verzinsung und 30jähriger Laufzeit, wobei eine Freiperiode von 10 Jahren gilt. Der eigentliche Zweck dieses Darlehens bestand in der Signalwirkung, die Wirtschaftsblockade offen zu durchbrechen und im Falle Vietnams wirtschaftlich und am Beispiel Kambodscha sicherheitspolitisch an Profil zu gewinnen. Kein Wunder, daß da die Staaten der EG nicht abseits stehen mochten; im Februar besuchte Frankreichs Staatspräsident Mitterand und im April Bundesaußenminister Kinkel Hanoi. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, wann die neue Regierung in Washington den Anachronismus beendet und die Beziehungen zu Vietnam normalisiert.
Gleichzeitig mit Tokios Vietnamhilfe ist ein Plan entwickelt worden, der in diplomatischen Kreisen als "Miyazawa-Doktrin" tituliert wird. Dieser Plan beschreibt die "Rolle Japans im 21. Jahrhundert in der asiatisch-pazifischen Region". Die Kernpunkte dieser Studie lauten:
"1. Die militärische Präsenz der USA in der Region ist weiterhin sicherheitspolitisch erforderlich; dieses Engagement ist weitestgehend von den betroffenen Staaten zu unterstützen. Gleichzeitig trägt aber auch Japan Verantwortung für die Verwirklichung von Friedenssicherungsoperationen, den wirtschaftlichen Wiederaufbau, die Lösung des Flüchtlingsproblems und Hilfsmaßnahmen bei Naturkatastrophen.
2. Die Region ist weiterhin wirtschaftlich stark von den Märkten Europas und Amerikas abhängig. Tendenzen zu wirtschaftlichem Regionalismus sind daher ebenso abzulehnen wie Überlegungen hinsichtlich einer selektiven Erweiterung der Nordamerikanischen Freihandelszone (Nafta) um bestimmte asiatische Staaten. Die regionale Zusammenarbeit in Asien muß vielmehr von Offenheit und Freizügigkeit gekennzeichnet sein, in Einklang mit dem Gatt-Reglement stehen und darf nicht zulasten Dritter gehen.
3. In mittel- und langfristiger Perspektive sind in der Region neue Strukturen und Institutionen für eine sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu entwickeln, wobei die Integration der USA, insbesondere ihre militärische Präsenz, unerläßlich bleibt. Vorerst sind hierzu die bestehenden bilateralen und multilateralen Gremien zu nutzen, insbesondere die erweitere Konferenz der Außenminister der Asean-Staaten." (zit. nach: NZZ vom 7.1.93)
Dreierlei ist an diesem Papier bemerkenswert:
a) es geht über die Fukuda-Doktrin (benannt nach dem früheren Ministerpräsidenten Takeo Fukuda) vom Sommer 1977, als den damals fünf Mitgliedstaaten der ASEAN 1 Mrd. US-Dollar für den Aufbau schwerindustrieller Projekte zugesagt worden war, weit hinaus, weil wirtschaftliche Überlegungen nur einen Teilaspekt berühren;
b) es beinhaltet eine (sicherheits)politische Komponente (japanische Truppenpräsenz in Kambodscha im Rahmen der UN-Friedensmission), die langfristig ein unter der Ägide Japans stehendes Bündnis, vergleichbar der auf europäischer Ebene wirksamen KSZE, entstehen lassen könnte - mit oder ohne Beteiligung der USA.
Anläßlich seines Besuches in den vier ASEAN-Staaten Indonesien, Malaysia, Brunei und Thailand im Januar dieses Jahres erklärte der kürzlich zurückgetretene Premierminister Kiichi Miyazawa in Bangkok, daß Tokio die Hoffnung hege, künftig die ASEAN mit den drei indochinesischen Staaten in einem gemeinsamen Block vereint zu sehen. "Japan", so Miyazawa, "hält es für bedeutsam, daß diese Länder ihren organischen Zusammenhalt stärken und die Entwicklung der Region als ganze voranbringen". (31) Um dies zu gewährleisten, schlug Miyazawa die Schaffung eines "Forums für die umfassende Entwicklung Indochinas" vor, dessen erstes Treffen noch in diesem Jahr in Tokio erfolgen und auf dem im Verbund mit der ASEAN eine langfristige Entwicklungsstrategie ausgearbeitet werden könne. So ist denn bereits der verstärkte Einsatz japanischer Entwicklungshelfer in Indochina und Myanmar (Burma) vorgesehen.
Damit würde Japan verstärkt in der Region ökonomisches Kalkül mit entwicklungs- und sicherheitspolitischen Erwägungen verknüpfen, was bislang Domäne der USA war.
c) Miyazawas Plan ist schließlich innenpolitisch relevant, zumal die Entscheidung über eine mögliche Revision des Artikels 9 der Verfassung immer näher rückt. Die Befürworter eines solchen Schrittes bemühen analog den Diskussionen in Deutschland über Bundeswehreinsätze außerhalb des NATO-Bereichs das Argument, Japan müsse seine Außenpolitik "re-asianisieren" und könne es sich eingedenk seiner wirtschaftlichen Potenz und des schrittweisen Rückzugs der Amerikaner aus der Region nicht erlauben, in Asien auf Dauer militärpolitisch "abstinent" zu bleiben. Vieles spricht dafür, daß dieser Verfassungsartikel geändert wird; unabhängig davon ist er faktisch längst aufgehoben.
Entgegen Kassandrarufen in den USA, Japan würde im nächsten Jahrhundert Krieg gegen die Vereinigten Staaten führen (vgl. George Friedmans und Meredith LeBards Buch "The Coming War with Japan"), steht allerdings das amerikanisch-japanische (Militär-)Bündnis nicht zur Disposition. Die eigentlichen Schwierigkeiten, mit denen Japan konfrontiert bleibt und die der Miyazawa-Plan bislang nicht berücksichtigt, sind die Entwicklungen in der ehemaligen Sowjetunion und auf der koreanischen Halbinsel. Käme es dort zur Wiedervereinigung der beiden koreanischen Teilstaaten (in teutonischer Hast vollzogen, kostete sie Seoul nach eigenen Berechnungen annähernd eine Billion Dollar), wovon kurzfristig nicht auszugehen ist, entstünde vor Japans Haustür ein potenter, mit Bodenschätzen, Know-how und einer qualifizierten Arbeiterschaft ausgestatteter Konkurrent, der aufgrund engerer und historisch nicht belasteter Kontakte zu China ein nicht zu unterschätzendes Gegengewicht zu Japan bilden würde.
Die von Ex-Präsident George Bush konzipierte sog. Neue Weltordnung ist ohne eine Gewichtsaufwertung Japans in Ostasien und im Pazifik undenkbar. Ob das allerdings auch zur Neuauflage einer Pax Nipponica führt, bleibt eine Frage, auf die sich wohl erst eine Dekade nach dem Ende des Kalten Krieges kluge Antworten finden.
Anmerkungen:
20) Das mehrfach modifizierte Nationale Sicherheitsgesetz stellt u.a. noch immer offiziell nicht genehmigte Kontakte zu Nordkorea(nerInnen) unter Strafe - vgl. "KOREA FORUM" 4-5/91, S. 10, 11, hg. vom Korea Kommunikations- und Forschungszentrum, Osnabrück (Oktober) 1991.
21) Die Zahlen basieren auf Statistiken - Major Economic and Social Indicators - der Bank of Korea und der staatlichen Economic-Planning Board in Seoul. Mittlerweile beziffern dieselben Quellen Südkoreas Auslandsschulden allerdings auf neuerlich ca. 50 Mrd. US-Dollar, was aus notwendig gewordenen Kapitalimporten zur Finanzierung sog. "Strukturanpassungen" Seouls resultiert.
22) Leopoldo Marmora/Dick Messner, Theorieruinen und Entwicklungsforschung: Überlegungen am Vergleich Argentinien-Südkorea, in: "Blätter für deutsche und internationale Politik" 10/89, S. 1217, Köln (Oktober) 1989.
23) Wolfgang Hillebrand, Industrielle und technologische Anschlußstrategien in teilindustrialisierten Ländern. Bewertung der allokationstheoretischen Kontroverse und Schlußfolgerungen aus der Fallstudie Republik Korea, Berlin 1990.
24) D.h. niedriger Ölpreis, niedrige Zinsen und ein vergleichsweise günstiger Wechselkurs des Dollars gegenüber der Landeswährung, dem Won.
25) Vgl. u.a.: Asia 1989 Yearbook des "Far Eastern Economic Review", Hongkong 1989, S. 156 und "Handelsblatt/Industriekurier" (Düsseldorf) vom 17.10.89, S. 13.
26) "South Korea Today", hg. von den Young Koreans United of the U.S.A., Washington, D.C. 1989, S. 3ff.
27) South Korea and the IWF, in: "Korea Newsletter" 4.12: 8/9, hg. von der Alliance for Democracy and Reunification of Korea (Han Min Ryun), Tokyo (Januar) 1989.
28) "Hangyoreh Shinmun" (Seoul) vom 4. Juli 1990 - Näheres in: Du Yul Song, Kapitalismus, soziale Bewegungen und Gesellschaftsformation in Südkorea - Eine kritische Bestandsaufnahme, Script V des Forschungsinstituts Dritte Welt/Industrieländer (FDI), Osnabrück/Münster (August) 1990.
29) "Hangyoreh Shinmun" vom 7. Juli 1990.
30) Du-Yul Song, a.a.O., S. 10/11.
31) Lt. "Far Eastern Economic Review" vom 28.1.93, S. 10f.
Neue Folge - analyse & kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis /
Nr. 359 / 20.10.1993
