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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 446 / 18.1.2001

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Die Dotcom-Branche erlebt ihren Schwarzen Freitag

Nach der anfänglichen Goldgräberstimmung kennzeichnen jetzt Crash und Krise die augenblickliche Stimmung in der Internet-Branche. Ob damit aber auch das Ende des allgemeinen Internet-Hypes eingeleitet ist, ist genauso fraglich wie die Stimmen, die im Dotcom-Desaster erste Vorboten einer tief greifenden kapitalistischen Krise sehen.

Wie gewonnen, so zerronnen: Nach einem Rekordhoch im März letzten Jahres haben die Firmen des sogenannten "Neuen Marktes" mehr als die Hälfte ihres Börsenwertes eingebüßt, einige Firmen gar 90%, wie etwa die Intershop AG, mit 1.000 Beschäftigten zwischen Jena und San Francisco eher eine der größeren www-Firmen. Der Nemax 50, der deutsche Aktienindex für den "Neuen Markt" und damit das Pendant zum amerikanischen Nasdaq, stürzte von fast 10.000 Punkten im letzten Frühjahr auf inzwischen 2.800 Punkte ab. Firmen wie EM.TV mussten binnen kürzester Zeit gewaltige Kursverluste hinnehmen. Der Handel von Letsbuyit.com wurde zum Jahreswechsel ausgesetzt, gegen Next Generation Internet und Gigabell läuft ein Insolvenzverfahren, und die Hamburger Tomorrow Internet AG hat zu Weihnachten Entlassungen angekündigt.

In der Bundesrepublik vollzieht sich damit dieselbe Entwicklung wie in den USA. Nach einer Studie der Firma Webmergers.com sind im letzten Jahr über 200 Internet-Firmen in den USA Pleite gegangen. Dabei wurden umgerechnet drei Mrd. DM an Kapital vernichtet. Mit 60% konzentrierte sich die Pleitewelle dabei auf die letzten drei Monate des Jahres. Mehr als die Hälfte der Pleiten entfiel auf den Geschäftsbereich des sog. E-Commerce, des elektronischen Versandhandels. Seit dem Juli 2000 sind mehr als 36.000 Menschen in der US-amerikanischen Internet-Branche entlassen worden, 10.000 allein im Dezember. Im Vergleich dazu waren die 5.000 Entlassungen im ersten Halbjahr 2000 geradezu milde.

Trotz aller Aufregung kommt der Absturz der Internet-Aktien an den internationalen Börsen nicht unerwartet. Dass die meisten dieser Papiere hoffnungslos überbewertet waren, ist seit langem bekannt. Die tatsächlich erwirtschafteten Gewinne laufen seit Jahren der Kursentwicklung hinterher. Intershop etwa erzielte einen Umsatz von 250 Mio. DM - und gleichzeitig einen Verlust von 75 Mio. DM. Nach Angaben der Deutschen Bank arbeiten 40% der börsennotierten Internet-Firmen anhaltend mit Verlust. Das gilt selbst für solche Vorzeigefirmen wie Amazon. Ein Grund liegt darin, dass auf einem in der Vergangenheit geradezu explodierenden Markt das Hauen und Stechen um Kunden immer öfter zu "politischen Preisen" geführt hat. Um Kunden zu gewinnen oder zu halten, verkaufen die mehr oder weniger kleinen www-Klitschen ihre Produkte deutlich unter den Herstellungskosten. Die meisten der "Start-ups" verbrauchen so in kürzester Zeit das ihnen von Banken oder "Business Angels" zur Verfügung gestellte Wagniskapital. Die bald fällige Refinanzierung gestaltet sich dann aber schon schwieriger. Dazu kommt die enorme Fluktuation unter den Beschäftigten, die es gerade kleinen Läden enorm schwer macht, Know-how auf Dauer zu binden. Nicht selten stehen diese Firmen mit einem Bein im Grab, wenn gleich mehrere ProgrammiererInnen kündigen und ihr Wissen zu einem attraktiveren Unternehmen mitnehmen.

Dotcom-Desaster Sturm im Wasserglas

Alle BeobachterInnen sind sich darin einig, dass der Markt in eine "Konsolidierungsphase" tritt, die mit weiteren Firmenschließungen, Übernahmen und Entlassungen verbunden sein wird. Der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften spricht von einem "Ausleseprozess", das Internet sei deshalb noch lange nicht tot. In der Tat spricht vieles dafür, dass der jüngste Börsen-Crash lediglich das Ende einer überhitzten Goldgräber-Stimmung signalisiert und dass die AnlegerInnen nach dem Ende der Turbulenzen sorgfältiger mit ihrem Vermögen umgehen. War die Spekulation an sich und mit den neuen www-Aktien erst recht bisher trendy und hip, so werden Anleger in Zukunft wieder stärker auf die Eckdaten der Rendite schauen. Letztlich ist die aufgeregte Berichterstattung über eine im Grunde stinknormale kapitalistische Flurbereinigung an den Finanzmärkten ein genauso großer Hype wie der vorangegangene Run auf diese schicken Aktien. Der momentane Kurseinbruch wird genauso überbewertet wie die vorherige Hausse.

Es mag sein, dass in den jetzigen Turbulenzen auch die Aktien des einen oder anderen IT-Riesen in Mitleidenschaft gezogen werden, aber im wesentlichen spielt sich der Crash in einer von der ökonomischen Bedeutung her gesehen kleinen Nische ab. Während der Nemax-50-Index in der Bundesrepublik und der Nasdaq in den USA vom Juli 2000 bis Januar diesen Jahres um 60% bzw. 40% abgerutscht sind, ist die Entwicklung der Indizes für Standardwerte sehr viel undramatischer abgelaufen. Der Dax lag am Ende 10% unter dem Ausgangspunkt vom Juli, der Dow Jones Index ist sogar völlig konstant geblieben. Von einer allgemeinen Krise auf den Aktienmärkten ist z.Z. also weit und breit nichts zu sehen. Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man sich etwa die Verschiebungen der letzten Wochen innerhalb des Nemax 50 ansieht. Die Verluste der meisten Branchen bewegten sich zwischen 1,6 und 4,1%. Deutlicher Ausreißer ist die Internet-Branche im engeren Sinne mit Verlusten von 13,3%. Die Medizin-Technologie, die ebenfalls im Nemax erfasst wird, ist sogar um 1,8% gestiegen.

Das Platzen einer spekulativen Blase ist für sich genauso wenig ein Indiz für eine tiefere ökonomische Krise wie mehr oder weniger zahlreich gebrochene Genicke bei AnlegerInnen mit Zocker-Mentalität. Und selbst die realwirtschaftlichen Pleiten in einem Teilsegment der IT-Branche sagen noch nichts über die allgemeine Profitraten-Entwicklung aus, um an dieser Stelle mal auf eine Kategorie aus der Kritik der Politischen Ökonomie zu verweisen. Wenn überhaupt ist der Crash bei den Dotcoms ein Riss im allgemeinen New-Economy-Hype. Die wirkliche gesamtgesellschaftliche Bedeutung der www-Branche ist nicht ökonomisch begründet. Sie liegt vielmehr im Einfluss auf die vorherrschenden Leitbilder von modernem Leben und Arbeiten. Und wenn diese Life-Style-Leitkultur in Zukunft kriseln sollte, so ist das gut und nicht schlecht.

dk