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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 448 / 15.3.2001

Atommülllager:

Lizenz zum Dauerbetrieb

Noch nie in den letzten 20 Jahren hat es eine derart große Anzahl von Neubauanträgen der Atomwirtschaft gegeben. Nach dem so genannten Atomkonsens zwischen rot-grüner Bundesregierung und den AKW-Betreibern sollen nun an nahezu sämtlichen Kraftwerksstandorten dezentrale Lagerhallen für den hochradioaktiven Atommüll entstehen. Sinn und Zweck dieser Anlagen ist es, den politischen Konflikt um die Nutzung der Atomenergie in diesem Lande abzuschalten.

Von den 19 AKW-Standorten in der Bundesrepublik haben die Betreiber bis heute für 13 Standorte dezentrale Zwischenlager beantragt. Das sind die AKWs in Biblis, Brokdorf, Brunsbüttel, Stade, Esenshamm, Grafenrheinfeld, Grohnde, Gundremmingen, Krümmel, Lingen, Neckarwestheim, Ohu (Isar) und Philippsburg. Die Genehmigungsverfahren haben mit der öffentlichen Auslegung der Antragsunterlagen Ende Januar für die meisten Anlagen begonnen. Zwei Monate lang können dann Einwendungen erhoben werden, die vermutlich im Mai oder Juni dieses Jahres im Rahmen der dann anstehenden Erörterungstermine behandelt werden.

Die neuen Atommüllhallen sollen direkt auf dem Betriebsgelände der AKWs errichtet werden. In ihnen sollen die beim Betrieb anfallenden hochradioaktiven Brennelemente für einen Zeitraum von mindestens 40 Jahren meist in Castorbehältern gelagert werden. Je nach Standort sind dann zwischen 1.000 und 2.500 Tonnen hochradioaktives Material zusätzlich zu dem radioaktiven Inventar der Reaktoren vor Ort vorhanden.

Geht man davon aus, dass jährlich etwa eine Menge von ca. 30 Tonnen Brennelemente ausgetauscht werden, dann lässt sich leicht errechnen, welche Dimension diese Hallen haben werden. So soll beispielsweise das Atommülllager in Krümmel eine Kapazität von 1.500 Tonnen haben, was einer weiteren Betriebszeit des AKW Krümmel von insgesamt 50 Jahren entspräche. Erst dann wäre die Lagerkapazität erschöpft. Laut den Vereinbarungen im so genannten Atomkonsensvertrag soll das AKW Krümmel jedoch spätestens im Jahr 2019 stillgelegt werden. Geht man davon aus, dass das neue Atommülllager 2004 seinen Betrieb aufnimmt, dann hätte Krümmel also nur noch eine so genannte Restlaufzeit von 15 Jahren. Das entspräche einer anfallenden Menge an hochradioaktiven Brennelementen von "nur" 450 Tonnen, also nur knapp einem Drittel der jetzt beantragten Aufnahmekapazität. Ähnliche Rechnungen ließen sich auch für die anderen Standortlager anstellen.

Bis heute gibt es keinerlei Stellungnahmen oder Begründungen für diese drastische Überschreitung der nach dem Konsens vereinbarten Laufzeiten. Das eröffnet viel Raum für Spekulationen: Einerseits könnten die für das Ziel der Zwischenlagerung von bestrahlten Brennelementen überdimensionierten Hallen künftig auch für den bei Stilllegung und Abriss anfallenden Müll dienen. Stattliche Mengen von hochradioaktiven Stahl aus dem Primärkreislauf der AKWs müssen nach der Demontage ebenfalls in Castorbehälter verpackt und gelagert werden. Möglicherweise könnte die Lagerfläche dann für diesen Müll genutzt werden.

Andererseits könnten die beantragten Lagermengen auch bedeuten, dass die AKW-Betreiber keineswegs davon ausgehen, dass es bei dem jetzt mit der Bundesregierung vereinbarten Atomkonsens bleiben wird. Vor diesem Hintergrund sind die neuen Atommülllager nichts anderes als eine Lizenz zum Dauerbetrieb. Mit einem erhöhtem Sicherheitsniveau oder einem verbesserten Schutz der Bevölkerung haben diese neuen Hallen nichts zu tun. Wie schon viele Regierungen zuvor betrachtet auch Rot-Grün die Entsorgung des hochradioaktiven Atommülls überwiegend als politisches Problem.

Das wird vor allem an den unveränderten Sicherheitskonzepten für die neuen Atommülllager deutlich. Baulich gleichen diese neuen Lager den bereits existierenden Lagern in Gorleben und Ahaus. Die Grünen, aber auch Teile der SPD hatten in der Vergangenheit das Sicherheitskonzept dieser Hallen immer wieder kritisiert. Denn weder die Zwischenlager in Gorleben und Ahaus, noch die jetzt geplanten Lagerhallen sind beispielsweise gegen Flugzeugabstürze oder schwere Explosionsdruckwellen gesichert. Das gesamte Sicherheitskonzept für die mindestens 40 Jahre dauernde "Zwischenlagerung" basiert auf den verwendeten Behältern, also dem Castor. Doch gerade diese Behälter stehen seit längerer Zeit in der Kritik. So hat es für alle Castorbehältertypen, die nach 1982 entwickelt wurden, keine praktischen Tests mehr gegeben.

Die Sicherheit dieser Behälter wird ausschließlich anhand von Computersimulationen ermittelt. Ob sie also auch in der Wirklichkeit die vorgeschriebenen Belastungen aushalten, ist zumindest fraglich. Selbst das Bundesamt für Strahlenschutz hat da so seine Zweifel. In einer gerade veröffentlichten Broschüre zum Thema Atomtransporte heißt es zu den fehlenden Praxistests: "Es ist sinnvoll, diese Praxis zu überprüfen und gegebenenfalls nachträglich Fallversuche, Erhitzungsüberprüfungen und Eintauchversuche an Originalbehältern vorzunehmen." (Bundesamt für Strahlenschutz, Radioaktive Frachten unterwegs)

Verstärkend kommt noch hinzu, dass auch diese praktischen Tests seit Jahren in der Kritik stehen. So muss der Behälter beispielsweise ein 1.000 Grad heißes Feuer für eine halbe Stunde derart überstehen, dass er vollkommen dicht bleibt und keine Radioaktivität abgibt. Zahlreiche Untersuchungen haben in der Vergangenheit aber gezeigt, dass die realen Unfallverläufe ohne weiteres dramatischer verlaufen können: Deutlich höhere Temperaturen, die dann auch noch für längere Zeit andauern, sind keine Seltenheit.

Doch nicht erst bei schweren Unfällen sind an der Sicherheit der Behälter Zweifel angebracht. Selbst der so genannten bestimmungsgemäße Betrieb zeigt erhebliche Probleme: So hat es immer wieder Veränderungen bei den Beladevorgängen gegeben, um aufgetretene Restfeuchte im Deckelbereich zu vermeiden. Restfeuchte kann zu Korrosionen an den Metalldichtungen der Behälter führen, eine Dichtheit der Behälter über Jahrzehnte wäre somit nicht mehr gewährleistet. Das hier beschriebene Problem ist nur eines von vielen, das belegt, dass die viel beschworene, jahrzehntelange Sicherheit der Atommüllbehälter in keinster Weise gewährleistet ist. Außerdem stellt sich die Frage, wohin denn der in diesen Hallen lagernde Atommüll nach 40 Jahren gebracht werden soll. Bis heute ist weltweit keine Lösung für die über einige tausend Jahre erforderliche Lagerung in Sicht. Deshalb kann heute auch niemand ausschließen, dass die als Zwischenlager geplanten Anlagen nicht doch zu Endlagern werden.

Viele dieser sicherheitsrelevanten Defizite sind schon seit Jahren bekannt und wurden bis zur Regierungsbeteiligung auch von den Grünen heftig kritisiert. Doch galten fehlende Flugzeugabsturzsicherung bei den Lagerhallen und faktische Tests bei den Behältern damals noch als unerlässlich, so spielen sie heute für die Grünen keine Rolle. Weder seitens des Bundesumweltministeriums, noch von der Bundestagsfraktion oder der Partei sind Forderungen bekannt, dass die neuen Standortlager auf einem gegenüber Gorleben oder Ahaus verbesserten Sicherheitskonzept errichtet werden sollen. Angesichts der enormen Steigerung der Atommüllmengen, die in derart ungesicherten Hallen und anfälligen Behältern über mehrere Jahrzehnte gelagert werden sollen, ist es schon erschreckend, dass die Grünen nicht einmal für zusätzliche Sicherungsmaßnahmen plädieren.In Hamburg lehnte z.B. die rot-grüne Mehrheit jüngst in der Bürgerschaft einen Antrag der Gruppe Regenbogen für eine neue Linke ab. Der Antrag hatte u.a. gefordert, dass der Hamburger Senat Einwendungen gegen die beantragten Lager in Brunsbüttel, Krümmel und Brokdorf erheben solle, um dadurch zumindest auf die Sicherheitskonzepte Einfluss nehmen zu können.

Zusätzlich zu den sogenannten dezentralen Standortlagern werden an den AKWs Biblis, Brunsbüttel, Krümmel, Philippsburg und Neckarwestheim Interimslager geplant, für die die Genehmigungsverfahren jetzt ebenfalls begonnen haben bzw. schon im Herbst letzten Jahres anliefen (Philippsburg, Neckarwestheim). In diesen Lagern sollen zwischen 12 (Krümmel) und 28 (Biblis) Castorbehälter vorübergehend abgestellt werden. Vermutlich noch in diesem, spätestens aber Anfang nächsten Jahres sollen diese Interimslager fertig gestellt sein. Ihre Aufgabe besteht vor allem darin, Transporte in die Zwischenlager nach Gorleben und Ahaus zu vermeiden, also diejenigen Transporte, die innenpolitisch in den letzten Jahren immer wieder zu massenhaften Protesten geführt haben. Auf die Transporte zur Wiederaufarbeitung werden diese Lager vermutlich keinen Einfluss haben. Denn Schwierigkeiten, wie bei Transporten nach Gorleben und Ahaus, werden hier kaum erwartet. Bestenfalls wird es aus Sicht der Bundesregierung und der Atomlobby bei den ersten Transporten Probleme geben, denn die Wiederaufnahme der Castortransporte in die WAA dürfte bereits im April erfolgen, also unmittelbar nach dem Gorleben-Transport. Neben Philippsburg stehen dann die AKWs Biblis, Stade und Brunsbüttel weit oben auf der Liste derjenigen AKWs, die dringenden Transportbedarf haben.

In den nächsten drei Jahren dürfte das Szenario so aussehen: Transporte aus bundesdeutschen AKWs nach Ahaus und Gorleben wird es möglicherweise nicht mehr geben. Gorleben wird ein bis zwei Mal pro Jahr mit den Abfällen aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague angelaufen. Außerdem werden Atomtransporte aus den meisten AKWs zur WAA nach Frankreich und England rollen. Hier kann die Anti-AKW-Bewegung also auch noch für einige Zeit mobilisieren und den politischen Konflikt mit der Bundesregierung und der Atomwirtschaft führen. Mit der Inbetriebnahme der neuen Atommülllager an den Standorten zwischen 2003 und 2005 werden nur noch die WAA-Rücktransporte nach Gorleben übrig bleiben. Alle anderen Transporte mit hochradioaktiven Materialien werden dann lediglich auf dem Betriebsgelände des jeweiligen Atommeilers stattfinden. Bleiben werden auf der Entsorgungsseite die zahllosen Transporte mit leicht- und mittelaktiven Atomabfällen. Und auf der Versorgungsseite die Transporte mit allerlei Uranprodukten zur Brennstoffversorgung der AKWs.

Die neuen Atommüll-Lagerstätten stellen ein tief greifende Zäsur für die Anti-AKW-Bewegung einerseits und für die gesellschaftliche Debatte um die Risiken der Atomenergie andererseits dar. Sie reduzieren die Gefahren in keinster Weise, sorgen aber durch den Wegfall der meisten Castortransporte dafür, dass es für Aktionen kaum noch Anlässe geben wird. Blockadeaktionen werden dann nicht mehr ohne weiteres möglich sein. Damit entfällt auch die massive Berichterstattung in den Medien, die die Aktionen der Anti-AKW-Bewegung in den letzten Jahren sicherlich unterstützt hat.

Genau diese politische Entschärfung zu bewirken ist offenkundig das Ziel der rot-grünen Bundesregierung und natürlich der Atomwirtschaft. Vergessen darf man derzeit nicht, dass die rot-grüne Bundesregierung in Sachen dezentraler Standortlagerung (ebenso wie bei den anstehenden Castortransporten) jede Menge an Vorausleistungen erbringt, für die es bis heute von Seiten der Atomwirtschaft nicht eine einzige Gegenleistung gibt. Bis heute sind die im Atomkonsens vereinbarten Maßnahmen rechtlich nicht festgeschrieben. Der Entwurf einer Atomgesetznovelle geistert zwar seit Monaten in den Ministerien herum, wann aber innerhalb der Regierung, mit der Atomwirtschaft, im Bundestag und im Bundesrat behandelt werden wird, ist derzeit vollkommen offen.

DSe

Die Sammeleinwendungen sowohl zu den Interims- als auch den sog. Standortlagern für Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel sind im Internet unter www.regenbogen-hamburg.de abrufbar. Einige Unterlagen der Antragsteller sind beim Bundesamt für Strahlenschutz unter www.bfs.de einsehbar.