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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 470 / 21.2.2003

Das Auge des Großen Bruders

Sicherheit, Überwachung und öffentliche Räume in Großstädten

Nein, ihre Haustür schließe sie nie ab. Es sei zwar einmal aus ihrem Haus etwas gestohlen worden, aber das wäre wohl auch passiert, wenn sie abgeschlossen hätte. Ändern werde sie ihre Gewohnheiten deshalb nicht, und in ihrer Nachbarschaft sei dieses Verhalten üblich. Die Kanadierin, die das Michael Moore in seinem Dokumentarfilm "Bowling for Columbine" erzählt, lebt nicht auf einem Bauernhof in den Wäldern, sondern in der Großstadt Toronto. In einer Zeit, in der mit dem Thema "Sicherheit und Kriminalität" Wahlen gewonnen und Auflagen gesteigert werden können, wirkt die Gelassenheit der Bürgerin aus Toronto exotisch.

Videokameras, private Sicherheitsdienste, Einkaufspassagen und vielfältige Sicherheitsmaßnahmen gehören längst zum Alltagsbild westeuropäischer und US-amerikanischer Großstädte. Der Bedarf an Sicherheit scheint groß zu sein. Die Gründe, Mechanismen und Folgen von Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen hat Jan Wehrheim in seiner Dissertation untersucht, die nun als Buch erschienen ist. Der Rote Faden ist die Frage, ob, und wenn ja, welche Personen oder Gruppen aus bestimmten Räumen der Städte ausgeschlossen werden. Wehrheims zentrale These: Überwachung und Ausschluss werden akzeptiert oder unterstützt, weil viele Menschen durch den gesellschaftlichen und städtischen Wandel verunsichert oder gar verängstigt sind. Wenn der Arbeitsplatz und die Lebensplanung unsicher werden, und wenn auf den Sozialstaat immer weniger Verlass ist, dann möchte man wenigstens nicht auch noch Angst um seine körperliche Unversehrtheit haben, dann möchte man wenigstens nicht von denen belästigt werden, die den Abstieg hinter sich haben. Man möchte sie am liebsten gar nicht sehen.

In den beiden Hauptkapiteln des Buches werden sowohl die "Mechanismen des Überwachens und Ausschließens" als auch konkrete Orte beschrieben, an denen Maßnahmen der Überwachung praktiziert werden. Dabei geht es erstens um rechtliche Veränderungen, neue Sicherheitskonzepte und private Sicherheitsdienste, zweitens um technische Überwachung (etwa durch Videosysteme) und drittens um architektonische Mittel zur Erhöhung von Sicherheit und Kontrolle. Die verschiedenen Maßnahmen werden anhand von Beispielen aus US-amerikanischen, englischen und deutschen Städten erläutert. So wird der öffentliche Raum in deutschen Städten nur in wenigen Fällen per Video überwacht, während das in englischen Städten fast flächendeckend der Fall ist. Dabei werden vom Wachpersonal hinter den Bildschirmen diejenigen genauer ins Visier genommen, die vom Standard des weißen Mittelschichtsangehörigen abweichen: Subkulturelle Jugendliche, Schwarze sowie Schwule und Lesben, die ihre Homosexualität nicht verbergen. Sie sind deshalb diejenigen, die am stärksten vom Ausschluss bedroht sind.

Generell droht durch forcierte Videoüberwachung eine Errungenschaft von Stadt verloren zu gehen - die Anonymität. Wer damit rechnen muss, per Video beobachtet zu werden, wird es unter Umständen vermeiden, eine psychosoziale Beratungsstelle, eine politische Veranstaltung oder ein Transvestitenlokal zu besuchen. Das Personal in den Kontrollräumen ist zwar mit der Flut der Bilder hoffnungslos überfordert und kann deshalb gar nicht alle aufgezeichneten Videobilder auswerten, aber allein das Vorhandensein von Kameras und die Möglichkeit, erkannt zu werden, kann schon einschränkend wirken. Der menschliche Faktor ist der Schwachpunkt der Videoüberwachung, die deshalb Sicherheit und Überwachung eher inszeniert als gewährleistet.

Im zweiten Hauptkapitel geht es um überwachte Räume wie Shopping Malls, Bahnhöfe und "gated communities" (eingezäunte Wohngebiete mit Zugangskontrollen). Dass mit Sicherheitskonzepten auch ökonomische Interessen verbunden sind, zeigt sich besonders bei den Malls. Malls sind Zentren des Konsums und oft auch der Freizeitindustrie, die privat betrieben werden. Sie erwecken zwar in vielen Fällen den Eindruck eines öffentlichen Raums, sind aber privat und unterstehen deshalb dem Hausrecht. Sicherheit und Sauberkeit gelten als wichtige Standortvorteile von Malls gegenüber Innenstädten. Videokameras, ein privater Sicherheitsdienst und eine mehr oder weniger restriktive Hausordnung gehören zum Standardrepertoire. Wer den Konsum stört und/oder gegen die Hausordnung verstößt, dem droht der Ausschluss.

An den Beispielen der "Manhattan Mall" in New York und des "CentrO" in Oberhausen zeigt Wehrheim, wie das Management mit dem grundlegenden Konflikt umgeht, Sicherheit zu gewährleisten, ohne die konsumfördernde "Feel-Good"-Atmosphäre zu stören. Dabei besteht auch das Dilemma zu entscheiden, ob Jugendliche unerwünschte (weil nicht konsumierende) Eckensteher oder kaufkräftige Kundschaft sind. Deshalb werden in Malls häufig "globe cameras" eingesetzt, die für Laien nicht als Videokameras identifizierbar sind, und die Sicherheitsdienste werden auf einen extrem freundlichen Umgang mit der Kundschaft eingeschworen. Ziel ist vor allem die Disziplinierung der Kundschaft. Gleichwohl bleibt Ausschluss eine Option, die vor allem Jugendliche und soziale Randgruppen trifft.

Werheim befürchtet eine "Sicherheitszonierung" in Städten, wenn weiterhin Sicherheit und Überwachung an Bedeutung gewinnen. Es droht eine Dreiteilung in erstens überwachte Räume, aus denen ausgeschlossen wird, wer nicht den (oft rigiden) Vorgaben der Hausordnungen entspricht; zweitens als gefährlich geltende Räume der Armutsquartiere und drittens eine große Übergangszone. Je mehr Räume überwacht werden, so seine These am Schluss, desto unsicherer fühlen sich Menschen in nicht überwachten Räumen und desto lauter wird der Ruf nach mehr Überwachung. Keine guten Aussichten für diejenigen, die mit dem Leben in der Stadt auch Anonymität, unerwartete Kontakte und wenig Reglementierungen verbinden.

Norbert Gestring

Jan Wehrheim: "Die überwachte Stadt. Sicherheit, Segregation und Ausgrenzung", Opladen: Leske+ Budrich. 238 Seiten, 19,90 EUR