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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 473 / 16.5.2003

"Ich fühle mich definitiv nicht schuldig"

Die Geschichte eines guatemaltekischen "Kojoten"

Sie sind überall dort, wo Menschen fliehen und die meist illegale Einreise in ein anderes Land organisieren müssen: die "Schlepper" und "Schleuser" bzw. die "Kojoten", wie sie in den USA und Lateinamerika genannt werden. Im Fadenkreuz von Polizeien, Armeen und Einwanderungsbehörden sind sie eine zwingende Begleiterscheinung der grenzüberschreitenden Migration. Jenseits moralischer (Vor-)Verurteilungen beschreibt der folgende Bericht die Arbeit und die gesellschaftlichen Hintergründe "ganz normaler Geschäftsleute".

Omar war zunächst Lehrer und arbeitete dann bis zu seiner Pensionierung im guatemaltekischen Erziehungsministerium. Dies alles machte ihn zu einer bekannten Person in der kleinen Berglandgemeinde Santa Eulalia, in der inzwischen die Hälfte aller Familien Angehörige haben, die in den USA arbeiten. Omar ist auch Teil eines Netzwerkes - AnwerberInnen, "Kojoten", FührerInnen und andere -, das Menschen in die USA schickt. Dem unabhängigen Journalisten David Bacon hat Omar beschrieben, wie das Kojote-System funktioniert. Sein Name wurde geändert, denn Omar hat Töchter, die in den USA leben und die er regelmäßig besucht.

Die Kojoten sind diejenigen, die an der Arbeitsmigration von Guatemala in die USA verdienen. Vor acht bis zehn Jahren bekamen Kojoten 8.000 bis 9.000 Quetzales (ca. 1.000 US-Dollars) für einen Trip. Heutzutage verlangen sie bis zu 45.000 (also 5.000 Dollars). In Guatemala ist das genug Geld, um ein seriöses Geschäft zu eröffnen. Um mit diesen gestiegenen Preisen mithalten zu können, müssen EmigrantInnen oft genug ihre Häuser als Sicherheit hinterlegen oder Land verkaufen.

In der Regel gibt es zwei Migrationswege. Der eine führt über Land durch Mexiko, in einem Kleinlaster oder Auto. Das hat manchmal schreckliche Konsequenzen. Es sind schon Menschen gestorben, weil sie in dem hermetisch geschlossenen Wagen keine Luft mehr bekommen haben. Doch die meisten guatemaltekischen AuswandererInnen kommen aus dem Hochland, wo es relativ kalt ist. Für sie wäre der Weg allein durch die Wüste und über die Grenze der sichere Tod.

Die Kojoten nehmen normaler Weise Gruppen von 60-70 Personen auf eine Reise, und das ist ein gutes Geschäft. Selbst die US-Einwanderungsbehörde hilft den Leuten, die Grenze zu überwinden - im Austausch für eine hohe Dollar-"Gebühr".

Neben dem Landweg gibt es heute Kojoten, die MigrantInnen über den Luftweg in die USA bringen. Sie mieten in Mexiko ein Flugzeug und nehmen nur wenige Leute mit - acht oder zehn. Der erste Stopp ist Tuxtla Gutiérrez in Chiapas. Anschließend gibt es eine Reihe weiterer Stopps, bis man wieder auftanken muss, um die Grenze zu erreichen.

"Da greifen die Gesetze des Marktes"

Einige Kojoten stellen das her, was wir "schmutzige Papiere" nennen, um die Menschen durch Mexiko zu bringen. In Tijuana übergeben sie sie an einen mexikanischen "pollero" (Schleuser), der die Leute dann ohne Papiere in die USA bringt. Auf der anderen Seite der Grenze muss immer ein Verwandter oder eine Verwandte warten, denn erst hier wird der Kojote wirklich bezahlt. Hier in Guatemala zahlen die MigrantInnen für die Ausgaben des Trips durch Mexiko. Am Ende der Reise kommt noch mal eine Zahlung von 2.000 bis 2.500 US-Dollar hinzu. Das ist der Punkt, wo die Arbeit des Kojoten endet. Er nimmt ein Flugzeug zurück nach Guatemala und bereitet eine weitere Reise vor.

Dies ist ein offenes Geschäft. So ziemlich jede/r kann sich irgendjemanden aussuchen, der/die eine/n zur Grenze bringt. Nichts Illegales passiert. Manchmal sprechen mich Leute an und fragen nach einem sicheren Kontakt. Ich gebe ihnen eine Telefonnummer, und sie stellen den Kontakt her, reden und treffen irgendwelche Vereinbarungen. Und ehe du dich versiehst, sind sie schon weg.

Wenn man hier lebt, dann weiß man nach einer Weile, an wen man sich wenden muss, wenn man gehen will und einen Kojoten braucht. Sie können dir sagen, was das Ganze kostet, wie die Reisebedingungen sind und ob es über Land oder per Flugzeug geht. In der Regel wechselt man vorher noch die Unterwäsche, denn das wird die einzige auf der ganzen Reise sein. Es gibt keine Zeit für ein Bad oder zum Kleider wechseln, und man isst, was immer und wo immer man kann. Man wird in Hotels gebracht, vielleicht nicht solche der allerbesten Qualität, aber man überlebt.

Die meisten Kojoten widmen sich voll und ganz diesem Job, genau wie ein Grundstücks- oder Immobilienmakler. Sie geben einem Telefonnummern, damit sie für dich immer erreichbar sind, und sie wissen, mit wem man sich arrangieren muss. Wenn die Leute wissen, dass er/sie auch tatsächlich Ergebnisse produziert, erhöht der Kojote allmählich seine Preise. Zunächst verlangt er relativ geringe Summen. Dann steigt sein Preis um 1.000 Quetzales, dann noch mal um 1.000 Quatzales und noch mal.

Die Kojoten kommunizieren und entscheiden untereinander über die Preise. Sie sagen z.B.: "Zur Zeit ist es schwieriger, über die Grenze zu kommen, lasst uns mehr verlangen." Heutzutage ist es sehr schwierig, ein Visum zu bekommen. Von 1.000 Personen kriegen vielleicht 20 eines. Viele bekommen nie ein Visum. Also greifen die Gesetze des Marktes: Wenn die Nachfrage steigt, steigen die Preise. In einem gewissen Umfang herrscht unter den Kojoten auch Konkurrenz, und einige hier in Guatemala schauen sich nach mexikanischen "polleros" um, weil sie glauben, dass die billiger sind. Doch langfristig ist der Preis derselbe. Es gibt immer viele Leute, die nach Norden müssen, und so werden die Preise stetig steigen.

Normalerweise verlangt der Kojote hier in Guatemala 15.000 Quetzales (2.000 Dollars) und erklärt, dass das alle Kosten des Trips von Guatemala bis zur amerikanischen Grenze abdeckt. Auf der anderen Seite muss es wie gesagt jemanden geben, der/die auf sie wartet und eine zweite Zahlung in Dollars leistet. Das ist der eigentliche Gewinn, und von dem kriegen alle ihren Anteil - der Kojote, der Anwerber und der Führer, der mit ihnen reist.

Dieses System hat vieles sehr verändert. Wenn die Leute sehen, dass dem Kojoten ein zwei- oder dreistöckiges Hotel gehört, dass er ein nobles Auto fährt und in Luxus lebt, dann wollen sie das auch. Sie machen sich auf den Weg in die USA. In 15 Tagen kann ein Kojote um die 5.000 Quetzales pro Person verdienen. Bei zehn Personen pro Reise sind das 50.000 Quetzales (6.000 Dollars). Der/die Durchschnittsguatemalteke/in braucht mehr als ein Jahr harte Arbeit, um diese Summe zu verdienen.

Ein Kojote ist ganz schlicht ein Geschäftsmann. Er muss keine Behörden kaufen, um frei seinen Geschäften nach zu gehen. Er macht nur seinen Job und wird dafür legal bezahlt. Sein Geschäft kann für ihn im Ausland negative Konsequenzen haben, aber nicht hier. Mit dem Geld, das er verdient, kann er in seiner Gemeinde zu Entscheidungsmacht und Einfluss gelangen. Er kann sogar politische Gruppierungen finanzieren, damit ihn niemand belästigt und seine Geschäfte nicht gestört werden. Das ist wie bei jedem anderen Geschäft auch.

Das ist ein sehr deutlicher Unterschied etwa zum Drogenhandel, der eindeutig illegal ist. Ein Drogenhändler kann für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern. Was der Kojote macht, ist legal. Es ist wie der Handel mit Zigaretten. Jeder Junge hier in Guatemala kann eine kaufen und rauchen. In anderen Ländern ist das vielleicht verboten, weil Tabak nicht an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft werden darf. Auch das Geschäft eines Kojoten kann in anderen Ländern verboten sein, aber in Guatemala ist es legal.

Wenn so schreckliche Dinge mit den MigrantInnen passieren, wie der jüngste Fall von 17 Leuten, die auf der Reise durch Mexiko ertrunken sind, so gibt es in Guatemala keine gesetzliche Handhabe gegen den Kojoten. Wenn er allerdings außerhalb Guatemalas geschnappt wird, so unterliegt er den dortigen Gesetzen. Hier, in Guatemala, ist so etwas wie der Tod der 17 lediglich ein Zwischenfall oder ein Unfall. Wer Guatemala ohne Papiere verlässt, nimmt das Risiko auf sich, genauso wie der Kojote. Sie akzeptieren das Risiko, und sie akzeptieren die Realität.

"Migration ist eine Notwendigkeit, kein Luxus"

Ich fühle mich definitiv nicht schuldig, denn ich füge niemandem irgendein Leid zu. Im Gegenteil, ich habe Leuten geholfen, aus ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage herauszukommen. Ich mache nichts anderes, als Leute zu führen und ihnen Orientierungen anzubieten. Ob sie daran interessiert sind, ist ihre Sache. Innerhalb dieses Landes bricht niemand das Gesetz. Jetzt aber, außerhalb unseres Landes, verstößt ein Kojote in der Tat gegen gesetzliche Bestimmungen; natürlich deswegen, weil es Einreisebestimmungen gibt.

Selbst die Regierung ist zufrieden. Denn langfristig löst die Auswanderung in die USA ein Problem, das eigentlich der Staat lösen sollte. Der guatemaltekischen Wirtschaft geht es wirklich schlecht. Die Kosten, die eine Familie für das reine Überleben aufbringen muss, sind massiv angestiegen. Auf der anderen Seite beträgt ein normales Gehalt in Guatemala nur ungefähr 2.000 Quetzales oder 250 US-Dollars.

Der entscheidende Grund, warum Menschen in die USA emigrieren, ist die soziale und ökonomische Situation in Guatemala. In Folge des Bürgerkrieges ist die Armut immer schlimmer geworden. In Guatemala haben viele nichts zu essen, während andere drei Autos vor ihrem Haus parken. Es gibt fünf Millionen Menschen ohne Wohnung. Mit der Zeit, wenn die Leute nach Norden gehen, sparen sie Geld und bauen Häuser. Für den Staat ist die Auswanderung nützlich. Nach Regierungsangaben schicken die EmigrantInnen fast 500.000 Millionen Quetzales zurück. Inzwischen gibt es fast eine Million GuatemaltekInnen in den USA, und immer noch verlassen Menschen dieses Land.

Natürlich, für Menschen, die im Norden leben, in den USA, kann dieses Phänomen unangenehm sein, denn die AuswanderInnen sind entwurzelt. Die MigrantInnen sprechen kein Englisch, also verdienen sie weniger. Doch für uns ist das viel. Angenommen eine Emigrantin verdient fünf Dollars in der Stunde. Bei fünf Stunden oder 25 Dollars am Tag entspricht das 200 Quetzales täglich. Hier in Guatemala verdienen viele Leute nicht mehr als 25 Quetzales am Tag und arbeiten dafür von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags. Die Leute hier arbeiten doppelt so viel und kriegen dafür acht Mal weniger als jemand in den USA. Das ist die Realität hinter der ökonomischen Notwendigkeit.

Das Geld aus dem Norden hat uns verändert. Geld bedeutet uns jetzt sehr viel mehr als früher, und viele Leute haben eine KonsumentInnenmentalität angenommen. Sie reden die ganze Zeit darüber, wie viel sie im Norden verdienen werden. Der Preis für Land ist drastisch gestiegen. In vielen Gegenden kostet ein kleines Stück Land jetzt 200.000 Quetzales (25.000 Dollars), den Gegenwert lebenslanger Arbeit. Das produziert eine immense ökonomische Ungleichheit. Und wenn die Leute ihr Land verkaufen, damit sie oder jemand anders nach Norden gehen kann, wovon werden sie dann in Zukunft leben? Mit dem, was man verdient, kann kein Mensch überleben. Der Weg nach Norden ist also kein Luxus. Er ist zu einer Notwendigkeit geworden.

(aus: www.labournet.de/diskussion/wipo/migration/coyote.html; Übersetzung: Dirk Hauer)