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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 473 / 16.5.2003

Smoke on the water ...

Antiglobalisierungsbewegung mobilisiert gegen den G-8-Gipfel in Evian

Deep Purple gastierte Anfang der 70er Jahre bei einem Musikfestival in Montreux, als ihr Hotel in Brand geriet. Große Rauchschwaden zogen damals über den Lac Leman (Genfer See) und inspirierten die Band zum Titel ihres späteren Welterfolges. Der Klassiker hat gute Chancen, nun Ende Mai zur Anti-G-8-Hymne zu werden.

Am Abend des 31. Mai werden nämlich gleich 50 so genannte feu au lac rund um den Genfer See entzündet werden. Diese Feuer werden Ausdrucks, lokalen Protestes sein sowie letzte Koordinierungspunkte am Vorabend einer Großdemonstration und von Massenblockaden gegen den am 1. Juni beginnenden Weltwirtschaftsgipfel der Großen Acht in Evian.

Evian liegt auf der französischen Seite des Genfer Sees und ist den meisten als Name einer Mineralwassermarke ein Begriff. Ende Mai wird der kleine Ort zur "Roten Zone", die die Sicherheitsbehörden gleich bis in die benachbarte Stadt Thonon und sogar über den Genfer See bis in den Fährhafen von Lausanne in die Schweiz gezogen haben. Denn über 10.000 Gipfelgäste werden am 1. Juni erwartet und müssen vor den bis zu 300.000 erwarteten GegendemonstrantInnen "geschützt" werden. Dabei dürfte nicht der zwischen Gebirge und See gut abzuriegelnde Tagungsort das Problem der staatlichen SicherheitsexpertInnen sein, sondern die Anreise der Delegationen über den Genfer Flughafen und deren Unterbringung in Luxushotels in Genf und Lausanne. Für den dreitägigen Gipfel ist somit eine tägliche An- und Abreise etwa der Hälfte der Delegierten notwendig und genau daran setzt das Konzept des entschiedeneren Teils der G-8-GegnerInnen an.

Nicht die Hochsicherheitszonen sollen angegriffen werden wie in Genua, sondern eine eher "an Seattle orientierte Taktik" der weiträumigen flexiblen Blockade ist in Vorbereitung. Man wolle die roten Zonen nicht stürmen, wird ein radikaler Gewerkschafter aus Lausanne in der G-8-Extrabeilage der Schweizer Zeitung Vorwärts zitiert. Vielmehr sei Ziel, die sich "in ihre Schutzbunker zurückziehenden Agenten des Regierungsterrors in ihren roten Zonen einzumauern".

Für den Gipfelbeginn am Sonntag, dem 1. Juni gegen 19 Uhr, kommt diesem Konzept zugute, dass am gleichen Tag die Großdemonstration unter Beteiligung französischer Gewerkschaften, Attac u.a. stattfinden wird. Zunächst favorisierten diese Organisationen den Samstag, den Tag vor dem Gipfel, als Termin einer rein symbolischen Massenmanifestation. Doch die regionalen Gruppen, wie das Social Forum Lemanic, und die auf eine effektive Blockade hinarbeitenden Gruppen der globalisierungskritischen Bewegung aus verschiedenen europäischen Ländern konnten sich beim Vorbereitungstreffen durchsetzen.

Massendemo und Blockaden werden am gleichen Tag stattfinden - in gegenseitiger politischer Unterstützung. Die Route verläuft an und auf den zentralen Zufahrtsstraßen nach Evian im französisch-schweizer Grenzgebiet. Ob und in welcher Form sich Massendemonstration, Straßenhappenings und Blockaden am 1. Juni zu einer effektiven Störung des G-8 vermischen werden, hängt von vielen Faktoren ab: Kommt wirklich eine starke internationale Massenmobilisierung zu Stande mit bis zu 300.000 Menschen wie in Genua? Wie viele der DemonstrationsteilnehmerInnen werden sich an Blockaden beteiligen und bis in den Abend bzw. auch den nachfolgenden Tagen bleiben? Und gelingt die Organisierung und Koordination flexibler und weit auseinander liegender Blockadepunkte?

Dies ist umso bedeutender, als eine der zentralen Anreiserouten über den Fährhafen von Lausanne, über 50 km von Genf entfernt, eingerichtet wird. Auf diesem Weg quer über den See sollen nicht nur die in den Lausanner Hotels untergebrachten Gipfeldelegierten nach Evian geschleust werden, sondern vermutlich auch diejenigen, die in Genf ankommen und übernachten müssen. Die geplanten Blockadepunkte in Lausanne werden am 1. Juni jedenfalls nicht wie in Genf eine Massendemonstration im Rücken haben, wenn es um effektive Störungen gehen soll.

Große Bedeutung kommt deshalb auch den verschiedenen Camps zu, die spätestens ab dem 28. Mai rund um Evian auf die Beine gestellt werden. Zwei alternative "Villages" werden im französischen Annemasse entstehen, ein Camp und späterhin auch mehrere Parks zur Übernachtung in Genf. Schließlich wird ein weiteres "Protestdorf" in Lausanne organisiert. Zusätzlich sind Convergence- und Indymedia-Centers in Vorbereitung. Weil der 29. Mai zumindest in Frankreich, der Schweiz und Deutschland ein Feiertag ist, so die Hoffnung, könnten sich viele AktivistInnen bereits frühzeitig an den notwendigen Vorbereitungen und Koordinationen beteiligen. Vor diesem Hintergrund planen z.B. auch Attac-Gruppen in Deutschland eine gemeinsame, vorzeitige Anreise mit einem Sonderzug.

Bereits in den Vortagen des Gipfels wird es rund um den Genfer See vielfältige Aktivitäten geben. Neben den schon nahezu obligatorischen inhaltlichen Gegengipfelveranstaltungen mit VertreterInnen von Oppositionsgruppen und sozialen Bewegungen im Trikont ist für den 30. Mai eine Demonstration im UNO-Viertel geplant. Die Headquarters von gleich drei transnationalen Agenturen sollen zu Zielpunkten einer gemeinsamen Wanderkundgebung werden. Neben der WTO geht es um die International Organisation for Migration (IOM) (vgl. Artikel in dieser Ausgabe) sowie um das Zentralgebäude der WIPO, der World Intellectual Property Organisation. Während die IOM wegen ihres "Migrationmanagements" zu einem aktuellen Kampagnenziel antirassistischer Initiativen geworden ist, steht WIPO für ein "Digital Rights Management", dessen Kontroll- und Kommerzialisierungsfunktionen von Seiten der unabhängigen Medienszene kritisiert wird. Die Demonstration am 30. Mai ist insofern auch der Versuch, diese unterschiedlichen Aspekte übergreifend zu thematisieren und damit gleichzeitig die verschiedenen Ansätze der Bewegungen für eine "Globalisierung von unten" inhaltlich stärker aufeinander zu beziehen.

h., ag3f Hanau

Weitere Informationen:
www.gipfelsturm.net
www.anti-g8.ch.vu
www.anti-wto.ch