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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 475 / 15.8.2003

Anschläge im Stadtraum

Ein Ausstellungsprojekt von Rebecca Forner in Essen

Beim Blick aus der Straßenbahn, beim Warten an der Bushaltestelle, auf dem Weg zu Arbeit/Einkaufen/FreundInnen - seit Juni wird der gewöhnlich flüchtige Blick auf die Werbeflächen in Essen an einigen Stellen unterbrochen. Statt jugendlicher Halbgötter und der perfekt in Szene gesetzten Konsumwelt fällt der Blick auf großflächige Porträts von vier Menschen, die so gar nicht den gängigen Werbeklischees entsprechen.

Um die Irritation perfekt zu machen, war in den ersten vier Wochen auf den Plakatflächen nicht mehr zu sehen, als die überlebensgroßen Porträts dieser Menschen. Es sind ernste Gesichter, die einen da anschauen. Nach einem Monat wurde neu plakatiert - die selben Motive, doch waren nun kurze biografische Angaben hinzugefügt. Anfang August nun folgte die dritte und letzte Plakatversion, das unveränderte Motiv wurde lediglich um zusätzliche Informationen ergänzt. Bis Mitte September werden diese Plakate noch in Essen zu sehen sein.

"Ich glaube, im Endeffekt will ich die Leute nicht in Ruhe lassen, ich will sie nerven", so die Initiatorin des Projekts, Rebecca Forner. Doch wer sind diese Menschen, denen dort Namen und Gesicht gegeben wird und mit deren Schicksal die Berliner Künstlerin die PassantInnen in Essen konfrontieren will? Sie stehen exemplarisch - auch visuell angedeutet, indem die Gesichter am Rand und teilweise abgeschnitten platziert sind - für die vergessenen Opfer rechter Gewalt in Deutschland.

Die Plakatierung im Essener Stadtraum ist Teil des Projekts "Dokumentation der Opfer rechter Gewalt" der Berliner Künstlerin, das im Rahmen des Jahresprojektes 2003 "Offene Stadt: Anwendungsmodelle" der Kokerei Zollverein | Zeitgenössische Kunst und Kritik zu sehen ist. Auf dem dortigen Ausstellungsgelände sind auf einer zusätzlichen Plakatwand neben weiteren Porträts alle Namen der Opfer rechter Gewalt aufgeführt. Daneben macht sich Rebecca Forner das Internet für ihr Anliegen zu Nutze. Über einen E-Mail-Verteiler wird während des gesamten Ausstellungszeitraums täglich ein Fall dokumentiert.

Die so peu à peu entstehende Chronik rechter Gewalt stützt sich auf die Recherchen des Berliner Tagesspiegel und der Frankfurter Rundschau, die dort erstmalig im Jahr 2000 veröffentlicht wurden - ergänzt durch eigene Nachforschungen. Denn nirgends existiert eine lückenlose Dokumentation über die Opfer rechter Gewalt - nicht bei Opferberatungsstellen, Antifas oder kritischen JournalistInnen, geschweige denn bei Polizei oder den Innenbehörden. Seit 1990 sind über 120 Menschen von Nazis und rechten Schlägern ermordet worden - wegen ihrer politischen Einstellung, weil sie nichtdeutscher Herkunft oder obdachlos waren, weil sie von einer vermeintlichen Norm abwichen.

Indem Rebecca Forner auf das Medium der alltäglichen Plakatgestaltung zurückgreift und ihre Präsentation auch in den städtischen und virtuellen Raum des Internets trägt, richtet sich diese Chronik rechter Gewalt also nicht nur an ein Kunstpublikum, sondern ist von der Berliner Künstlerin bewusst auch als "unfreiwillige" Konfrontation mit "unbeteiligten" PassantInnen und BürgerInnen angelegt. (Die Reaktionen auf den E-Mail-Rundbrief geben beredetes Beispiel dafür, dass diese Konzeption aufgeht - mit den entsprechenden Ergebnissen, versteht sich) "Ich spiele bewusst mit den Mitteln der Werbung", gesteht Forner. Dieser spielerische Umgang - der sich zugleich als kritische Auseinandersetzung mit dem Medium erweist - zeigt sich deutlich in der mit den Regeln der Werbetechnik brechenden Gestaltung und durch die lange Hängedauer der Plakate. Kommerzielle Großwerbeflächen sind in der Regel nicht länger als eine Woche mit ein und demselben Motiv plakatiert. Und er verweist auf einen weiteren Aspekt dieses Projekts: Nicht nur die offenkundige Gewöhnung dieser Gesellschaft an rechte Gewalt, sondern auch das Kurzzeitgedächtnis einer medialisierten Gesellschaft soll thematisiert werden. Waren während des Antifa-Sommer 2000 zumindest kurzfristig die Opfer rechter Schläger aus ihrer Anonymität und Nichtbeachtung gerissen, sind sie mittlerweile längst aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Dabei ist der Eindruck entstanden, die Zahl rechter Gewalttaten sei zurückgegangen. Doch zurückgegangen ist in Wahrheit lediglich die Medienberichterstattung.

mb.

Ausstellung in der Kokerei Zollverein, Arendahls Wiese, Essen. Weitere Informationen unter. www.kokereizollverein.de
Standorte im Stadtraum Katzenbruchstraße/Karolingerstraße; Essener Straße 95; Gelsenkirchener Straße/Pfeifferstraße; Segerothstraße 24.
Der tägliche Rundbrief kann angefordert werden unter:
rebecca.forner@kokereizollverein.de.