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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 497 / 19.8.2005

Die Stadtguerilla und der Antisemitismus

Wolfgang Kraushaars Buch "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus"

Wolfgang Kraushaars neues Buch ist mehr als die kriminalistische Untersuchung eines bis heute nicht aufgeklärten Verbrechens. Übergreifendes Thema ist "die Konstituierung der Stadtguerilla als antisemitischer Akt", so die Überschrift des Schlusskapitels. Die "als antizionistisch ausgegebene, in Wahrheit antisemitisch grundierte Ausrichtung" sei der westdeutschen Stadtguerilla von Anfang an und "bis zu ihrem Zerfall in den neunziger Jahren inhärent gewesen".

Was den - zum Glück misslungenen - Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in der Westberliner Fasanenstraße am 9. November 1969 angeht, ist der politische Befund längst unumstritten: "An diesem Tag, zu dieser Gedenkstunde in eine jüdische Kultstätte in Berlin einen Brandsatz zu legen - das war lupenreiner Antisemitismus", so zitiert Kraushaar den Ex-Kommunarden und späteren Aktivisten der Tupamaros München, Ulrich Enzensberger. Nach Kraushaars Recherchen, zeitgenössischen Bekennerschreiben und der Selbstbezichtigung des Bombenlegers Albert Fichter ist auch die Urheberschaft für die Tat geklärt: Es war dies der erste Anschlagsversuch der Tupamaros Westberlin, deren Wortführer Dieter Kunzelmann kurz zuvor zusammen mit Albert Fichter, Lena Conradt, Georg von Rauch und Ina Siepmann ein Ausbildungslager von Al-Fatah in Jordanien besucht hatte. Unklar ist, ob die Bombe nur dank eines glücklichen Zufalls kein Blutbad anrichtete oder ob sie gar nicht explodieren konnte, weil sie von dem Verfassungsschutzagenten Peter Urbach entschärft worden war.

Die Tupamaros Westberlin allerdings haben Tote zumindest in Kauf genommen. In ihren Bekennerschreiben wird der Anschlag als legitimer Akt antifaschistischen Widerstandes hingestellt: So ist in dem Flugblatt "Schalom + Napalm" vom 13. November 1969 von den "faschistischen Gräueltaten Israels gegen die palästinensischen Araber" die Rede und von der "Kristallnacht", die "heute täglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt" würde. In einem an den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, verschickten Tonband wird die Gleichsetzung Israels mit Nazi-Deutschland noch gesteigert: "Mit den Milliarden der Wiedergutmachung wird ein neuer faschistischer Völkermord finanziert."

Ganz ähnlich äußert sich Kunzelmann in seinem "Brief aus Amman", der am 27.11.1969 in der Zeitschrift Agit 883 veröffentlicht wurde: Er greift dort den durch die Shoah hervorgerufenen "Judenknax" der deutschen Linken an, verurteilt die "faschistische Ideologie ,Zionismus`" und ruft auf zur Solidarität mit Al-Fatah, "die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von Gestern und Heute und seine Folgen aufgenommen hat." In Anlehnung an Adorno bezeichnet Kraushaar die Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus als "Schuldabwehrantisemitismus": "Palästina gleich Vietnam, Faschismus gleich Zionismus, Israel gleich ,Drittes Reich` und Al-Fatah gleich Antifaschismus. Mit dieser Kette von Gleichsetzungen wird eine Tilgung von Schuldgefühlen vollzogen und zugleich eine neue Haltung in Position gebracht - die rückhaltlose Identifikation mit den Palästinensern." Bei Kunzelmann, dem mutmaßlichen Anstifter des Attentats, sieht Kraushaar nicht nur diesen sekundären Antisemitismus, sondern auch manifesten Judenhass. So habe dieser auf die "Scheißjuden" geschimpft und Daniel Cohn-Bendit als "kleines Judenschwein" beleidigt; letzterer allerdings kann sich, vom Autor befragt, heute daran nicht mehr erinnern.

Ein Schurke
und mehrere Verführte?

Abgesehen von solchen ungeklärten Details erscheint dreierlei in Kraushaars insgesamt solide recherchiertem Buch diskussionsbedürftig. Zunächst stellt sich die Frage nach der Rolle Dieter Kunzelmanns. Immer wieder stellt ihn Kraushaar als den Drahtzieher und Oberschurken hin, der andere, so auch den Bombenleger Albert Fichter, verführt und instrumentalisiert haben soll. Das ist letztlich ein Ruf nach dem Staatsanwalt; dem gegenüber aber hat jeder Angeklagte das Recht, seine Taten zu leugnen und Spuren zu verwischen - der Rekonstruktion der historischen Wahrheit ist das nicht gerade förderlich. Zweitens vermischt Kraushaar, wie schon in dem zusammen mit Jan Philipp Reemtsma und Karin Wieland herausgegebenen Bändchen "Rudi Dutschke Andreas Baader und die RAF" (vgl. ak 494), Dinge, die wenig miteinander zu tun haben: Ihm geht es nicht nur um eine Verurteilung des Terrors, sondern jeglicher linker Militanz, insbesondere der von Dutschke propagierten Strategie der kalkulierten Provokation. Deutlich wird diese Vermischung, wenn Kraushaar in der APO der Jahre 1968/69 "eine mehr als nur ideologische Orientierung an Militanz und Terror" beklagt.

Die spannendste - und umstrittenste - der von Kraushaar aufgeworfenen Fragen betrifft die Rolle des linken Antizionismus seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Wüste anti-israelische Propaganda und eine grobschlächtige Verurteilung des "Zionismus" (oder was dafür gehalten wurde) war in der radikalen Linken in der Tat weit verbreitet. Der Bombenfund von November 1969 hat aber gezeigt, dass fast niemand den Schritt von der Propaganda zur Tat mittun wollte. "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus hat gezündet. Berlin dreht durch. Die Linke auch", hieß es zynisch, aber nicht unzutreffend in einem zweiten Bekennerflugblatt. Am schärfsten distanzierte sich der Republikanische Club, wo während einer Polizei-Razzia Exemplare des "Schalom + Napalm"-Pamphlets gefunden worden waren: "Wer unter dem Vorwand, faschistische Tendenzen in Israel zu bekämpfen, antifaschistische Mahnmale beschmiert oder die Kranzniederlegung für die Opfer der Kristallnacht (egal, was man von solchen Zeremonien hält) zu einem Bombenanschlag benutzt, ist entweder geistesgestört oder selbst ein Faschist. Also waren es keine Linken."

Letzteres war Wunschdenken und ein untauglicher Versuch, die Linke aus der Schusslinie zu bringen. Staatsmacht, Parteien und Springer-Presse dachten gar nicht daran, zwischen antizionistischer Propaganda und antisemitischem Terror zu differenzieren. Die Welt prägte den Glaubenssatz, den längst auch viele Linke übernommen haben: "Antizionismus in diesem Lande ist gleich Antisemitismus." (12.11.1969) Kraushaars Position ist eine andere: "Der Antizionismus taucht als das kontinuitätstiftende Element zwischen dem offenen Antisemitismus der Vergangenheit und dem verkappten der Gegenwart auf. Unter seiner Tarnkappe ist es offenbar möglich, den judenfeindlichen Anschluss wiederherzustellen."

"Lupenreiner Antisemitismus"

Während Kraushaars Buch von "bürgerlicher" Seite durchweg gelobt wird, kommen von links Einwände, es sei zu unkritisch. Tjark Kunstreich (konkret 8/2005) möchte den Vorwurf des "linken Antisemitismus" auf den gesamten SDS ausdehnen, und Wolfgang Kloke, Autor des anti-antizionistischen Klassikers "Israel und die deutsche Linke" (1990/1994), wirft Kraushaar "Exkulpationsbegehren" vor, weil dieser zwischen Propaganda und Terror unterscheidet. Dagegen sieht Kloke in jeglichem Antizionismus nur "ungeschminkte Manifestationen antisemitischer Obsessionen" und wiederholt seine alte These vom "neudeutschen Antizionismus" als einer "hermetisch abgeriegelten Weltanschauung". (taz, 18.7.)

Götz Aly kommt, was das betrifft, zu ähnlichen Ergebnissen - allerdings lobt er die "aufklärerische Leistung" von Kraushaars Buch; es widerlege die "Märchen" vom fortschrittlichen Charakter der 68er Revolte: "Mit solchen Lügen ist nun Schluss. Die deutschen Achtundsechziger waren ihren Eltern auf elende Weise ähnlich. (...) Wenn es langfristig überhaupt positive Auswirkungen des Achtundsechziger-Protests gegeben haben sollte, dann nur deshalb, weil es den Gegenkräften gelang, diese zutiefst intolerante und antidemokratische Bewegung mit Hilfe der Staatsgewalt und einer entschlossenen Publizistik zu stoppen." Zu den entschlossenen Publizisten rechnet Aly namentlich den "in der Linken verhassten" Springer-Leitartikler Matthias Walden: "Das Buch von Wolfgang Kraushaar versteht sich auch als eine Rose, die mit großer Verspätung nicht nur auf seinem Grab niedergelegt werden sollte." (Die Welt, 16.7.)

Dieses mehr als zweifelhafte Lob wird dem Buch genauso wenig gerecht wie die Kritik allzu denkfauler Rezensenten, es sei nur "ein weiterer Abgesang auf die 68er" (Jungle World 27) bzw. ein "fingierter Nachruf - auf 1968". (junge Welt, 30.6.)

Js.

Wolfgang Kraushaar: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus. Hamburger Edition 2005, 300 Seiten, 20 EUR