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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 506 / 19.5.2006

Gibt es "linken" Fußball?

Interview mit Dietrich Schulze-Marmeling

"Grau is alle Theorie, entscheidend is auf`m Platz" - wer wollte ernsthaft die in diesem Satz des Duisburger Fußballers Adi Preißler (1921-2003) enthaltene Weisheit in Frage stellen? Aber auch der Liverpooler Trainer Bill Shankly (1913-1981) hat Unsterbliches zum Thema hinterlassen: " Football is not a matter of life and death. It's more important than that." Wenn dieser Ausspruch nur einen Funken Wahrheit enthält, dann kann ein bisschen Reflexion nicht schaden: über Fußball im 21. Jahrhundert, seine politischen Implikationen und insbesondere die Frage, ob es "linken" Fußball gibt und wodurch er sich auszeichnet. Mit Dietrich Schulze-Marmeling, Theoretiker und Praktiker in einer Person, sprach Js.

ak: In dem von dir herausgegebenen Buch "Der gezähmte Fußball", erschienen 1992 im Göttinger Werkstatt-Verlag, machen sich diverse Autoren Sorgen um die Zukunft dieses potenziell "subversiven" Sports. Die fiktive Expertenrunde im Epilog endet allerdings mit einem hoffnungsvollen Ausblick: "Auf irgendeine seltsame Art schafft es der Fußball immer wieder, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen", lässt Matti Lieske den französischen Superstar Michel Platini sagen. Hat "Platini" Recht behalten?

Dietrich Schulze-Marmeling: Ja, er hat Recht behalten. Dieses Spiel erweist sich als erstaunlich resistent. Auch seine hemmungslose Kommerzialisierung hat es nicht kaputtgekriegt. Wir haben damals sehr unhistorisch argumentiert, hätten es besser wissen müssen. Auch Anfang der 1960er befand sich der Fußball in einer schweren Krise: die "Treter-WM" in Chile mit einem Minusrekord an erzielten Toren, Helenio Herrera und sein Catenaccio, die hässlichen Szenen bei den europäisch-südamerikanischen Duellen um den Weltpokal der Vereinsmannschaften etc. Acht Jahre später wurde in Mexiko eine von Offensivgeist und Fairness geprägte WM gespielt, die noch heute als beste in der Geschichte des Turniers gilt. Offensichtlich verfügt das Spiel über erstaunliche regenerative Fähigkeiten. Heute wird ein technisch und athletisch anspruchsvollerer Fußball gespielt als jemals zuvor - siehe die EM 2004, siehe einige Spiele und Teams in der Champions League. Dass das Finale hier Barcelona gegen Arsenal lautet, ist doch großartig.

Die Bundesliga muss ich von dieser eher positiven Beurteilung allerdings ausschließen, denn diese hinkt der Entwicklung in einigen anderen europäischen Ländern eindeutig hinterher. Und dies bereits seit Jahren. Die so genannten deutschen Tugenden und das "Wunder von Bern" sind längst zum Fluch verkommen.

Und doch gibt es ein Problem, das Socrates im Spiegel (1.5.06) korrekt anspricht. Aufgrund der Entwicklung zum "Hochgeschwindigkeitsfußball" werden die kreative Gestaltung und die "individuelle Einlage" immer schwieriger. An den potenziellen Kreativ-Spieler werden physisch, technisch und mental höhere Anforderungen gestellt als noch zu den Zeiten von Socrates. Da stoßen viele Fußballer an "natürliche" Grenzen. Aus dieser Situation können sich nur die ganz Großen der Branche - wie etwa Ronaldinho - befreien.

Vordenker eines "linken" Fußballs war seinerzeit Cesar Luis Menotti, der Trainer der argentinischen Weltmeistermannschaft von 1978. In einem neueren Buch des Werkstatt-Verlages über die "Strategen des Spiels", die großen Trainer, wird der "Menottismus" ziemlich nüchtern gesehen. Teilst du diese kritische Sicht auf dein einstiges Idol?

Die Person Menotti ist immer stark verklärt worden - auch von mir. Ein wohl typisch linkes Phänomen, das ja auch im Glaubensstreit um "linken" und "rechten", "offensiv-kreativen" und "defensiv-destruktiven" Fußball seinen Ausdruck findet. Wenn sich jemand im Sinne unserer Gedankenwelt äußert, sind wir angesichts dieser "schrecklichen Welt" und unserer relativen Isoliertheit so überglücklich, dass wir diese Person sofort für uns vereinnahmen, ihr alles Mögliche andichten, jegliche wissenschaftliche Betrachtung und Distanz über Bord schmeißen. Nichtsdestotrotz attestiere ich der Person Menotti und ihren Aussagen einen gewissen propagandistischen Wert.

Gibt es überhaupt noch linken Fußball? Wodurch zeichnet er sich aus?

Eine Frage, die schon damals schwierig zu beantworten war. Liverpools Trainer Bill Shankly war ein militanter Sozialist, stellte deshalb das Kollektiv in den Vordergrund. Manchesters Matt Busby hegte ebenfalls Sympathien für den Sozialismus, betonte aber die Bedeutung des Individuums, hatte stets Spieler "mit Flair" in seinen Reihen und wollte die Siege auch "mit Flair" erringen.

Franz Beckenbauer hat vom FC Bayern jahrelang einen kreativeren und unterhaltsameren Fußball gefordert. Ist Franz Beckenbauer also ein Propagandist des "linken Fußballs"? Der FC St. Pauli spielt nicht gerade brasilianisch oder niederländisch auf. Ist der FC St. Pauli deshalb eine eher rechte Angelegenheit? Wenn der FC St. Pauli eine technisch und spielerisch überlegene Bayern-Mannschaft niederkämpft, den Künstlern im Bayern-Team den Schneid abkauft und dadurch ins Pokalfinale einzieht: Ist das dann ein Sieg des "linken" oder des "rechten" Fußballs? Oder hat ein "linker" Verein dank einer "rechten" Strategie gesiegt?

Gleichzeitig kann man nicht leugnen, dass der Fußball der Brasilianer oder Niederländer eher dazu geeignet ist, ein linkes Lebensgefühl zu befriedigen, als der biedere Kick einiger anderer Länder. Er ist relativ offensiv, räumt (einigen!) Individuen relativ viel Raum ein, bietet an guten Tagen einen ästhetischen Genuss. Und doch steckt auch im Fußball dieser Länder mehr System, als uns lieb ist.

Vermutlich ist es viel einfacher, "rechten" Fußball zu definieren: Die Spieler werden in ein enges taktisches Korsett eingebunden, das dem Individuum keine Freiheiten einräumt. Es dominieren Kampf und Disziplin, der Gegner wird durch übertriebene Härte eingeschüchtert, und es wird an soldatische Tugenden appelliert. Als Vertreter "rechten Fußballs par excellence" lässt sich vielleicht der Weltmeister von 1934 charakterisieren, zumal in seinem Falle auch noch die politischen Rahmenbedingungen "stimmten" (der Mussolini-Faschismus). Italiens Trainer Vittorio Pozzo ("il metodo") verpasste dem Land erstmals das Image eines Horts des Defensivfußballs. Italien 1934 galt als "hässlicher Sieger".

Um unseren LeserInnen ein bisschen Orientierung zu geben: Von welchen Mannschaften ist bei der bevorstehenden WM am ehesten linker Fußball zu erwarten? Für wen lohnt es sich Partei zu ergreifen?

Meine persönliche Vorliebe gilt den Niederländern. Es ist unglaublich, was dieses Land seit Mitte der 1960er an großartigen Fußballern hervorgebracht hat. Und trotzdem existieren auch hier eine Reihe von Klischees. Es wird ja immer gerne behauptet, die Niederländer erfreuten sich mehr am schönen Spiel denn am Sieg. Weshalb Cruyff und Co. die Niederlage von 1974 nicht weiter tragisch nehmen und sich als eigentliche Sieger des WM-Finales fühlen würden. In Wahrheit war dies ein zutiefst tragischer Moment für den ("linken") Fußball. Ein Weltmeister Niederlande wäre - zumal in Anbetracht der bevölkerungsmäßigen Underdog-Position - zu dem Symbol und Hoffnungsträger eines "linken" Fußballs schlechthin avanciert. Ein Sieg von Cruyff und Co. und ihres "totaal voetbal" hätte stilbildende Konsequenzen gehabt und nebenbei noch ein niederländisches Trauma beseitigt. Cruyff und Co. haben seinerzeit im politischen wie fußballerischen Sinne eine riesige Chance vertan, was mich noch heute stinksauer macht. Ganz abgesehen davon: Dass sich auch Niederländer über Siege freuen, zumal wenn der Gegner Deutschland heißt, hat man bei den ausgelassenen Feiern nach dem EM-Triumph von 1988 gesehen. Das war der größte Massenauflauf seit der Befreiung von der nationalsozialistischen Besatzung.

Heute wird in den Niederlanden viel härter gespielt, als hierzulande vielfach angenommen. Richtig ist, dass die Ausbildung in den Niederlanden deutlich technikbetonter ausfällt als bei uns, und dass sich der größere Stellenwert des Individuums in der niederländischen Gesellschaft auch im Fußball manifestiert. Die Ära Cruyff hat gewisse ästhetische Vorgaben geliefert und Standards gesetzt. Dass dieser Fußball, anders als der der bundesdeutschen Nationalelf von 1972, Dauerhaftigkeit erlangte, wurde dadurch erleichtert, dass die Erfolgsstory des niederländischen Fußballs erst mit der Ära Cruyff begann. Wir hatten zuvor bereits unsere tapferen "Helden von Bern", deren Schatten sich selbst die Elf von 1972 nicht so richtig entziehen konnte.

Ansonsten wird das Ideal eines linken Fußballs natürlich noch am ehesten von Brasilien erfüllt.

Bei den Europameisterschaften 1992 und 2004 gab es mit Dänemark und Griechenland zwei Überraschungssieger. Ist das auch bei einem Weltturnier möglich?

Bei der EM 2004 habe ich mich furchtbar in die Nesseln gesetzt. Vor dem Viertelfinale wurde ich in einem Interview nach meinem Favoriten gefragt. Antwort: "Ich sehe sieben Titelanwärter - nur die Griechen scheiden für mich aus." Das Ergebnis ist bekannt. Wir sahen tolle Mannschaften, erlebten tolle Spiele - aber am Ende hatte ein Team die Nase vorne, das ein Haufen von Durchschnittskickern war und biederen Fleiß-Fußball praktizierte. Aber der Fußball verbietet dies nicht. Theoretisch ist im Fußball vieles möglich, was ja auch seine Faszination ausmacht. Bei einer WM hat es allerdings erst einmal einen richtigen Überraschungssieger gegeben: Westdeutschland 1954.

Die "FIFA-WM" ist eine gigantische Werbeveranstaltung und - mit Verweis auf gewalttätige Fans oder mögliche Terroranschläge - durchorganisiert und kontrolliert bis ins Kleinste; im Fernsehen erwarten uns Blatter, Beckenbauer, Mayer-Vorfelder und geschwätzige Reporter mit schwarz-rot-goldener Brille; die Bild-Zeitung wird das nationale Fieber anfachen - und Klinsmann schlachten, wenn die deutsche Mannschaft nicht mindestens unter die letzten vier kommt. Gibt es trotzdem positive Wirkungen der WM, etwa beim Jugendfußball?

Ich habe eher den Eindruck, dass sich das mit dem "schwarz-rot-gold" in Grenzen hält. Ich sehe überall in den Kaufhäusern diese Ständer mit Deutschlandfahnen etc., habe aber noch niemanden in diesem grauenvollen Telekom-Welcome-Trikot gesehen. In der Jugendmannschaft, die ich seit vielen Jahren trainiere, läuft niemand im Deutschlandtrikot herum. Das ist einfach nicht "cool". Meine Kicker laufen für Brasilien, Italien, Manchester United, Arsenal, Juventus Turin, FC Barcelona, Argentinien, Ägypten, Bayern, Schalke, sogar Wolfsburg und Preußen Münster über den Sportplatz - Deutschland sehe ich dort nicht. Die nationalistischen Ambitionen der Bild werden dadurch beeinträchtigt, dass man den obersten deutschen Übungsleiter abschießen möchte. Wobei so ein Blatt natürlich sehr flexibel ist.

Für den hiesigen Jugendfußball kann man nur folgendes hoffen: 1. Dass Klinsmann keinen totalen Schiffbruch erleidet, damit das begonnene Reformprojekt nicht gestoppt und eine Entwicklung, die frühestens 2010 Erfolge verzeichnen kann, nicht zurückgedreht wird. Im Falle Klinsmann wird im Übrigen deutlich, wie reaktionär die Bild-Zeitung gerade auch in Sachen Fußball ist. Anstatt einer Fortsetzung der Modernsierung und Reform des hiesigen Fußballs das Wort zu reden, propagiert das Blatt ausschließlich Rückwärtsgewandtes und Hausbackenes. 2. Dass ein Team das Turnier gewinnt, das für technisch guten, kreativen und offensiven Fußball steht und dem unsere Nachwuchskicker diesbezüglich nachahmen möchten.

Und wer wird Weltmeister?

Hoffentlich Togo. Dann wird sich Mayer-Vorfelder einige Flaschen Rotwein hinter die Binde knallen, durch die VIP-Räume stolpern und wieder den Verlust deutscher Kolonien beklagen. Aber im Ernst: Um den afrikanischen Fußball ist es derzeit nicht gut bestellt. Allenfalls von der Elfenbeinküste darf man sich Akzente erhoffen.

Mein Tipp lautet Brasilien oder auch Italien. Die Squadra Azzurra spielt keinen Catenaccio mehr, aber auch keinen freigeistigen Offensivfußball. Prodi hat die Wahlen gewonnen, Trainer Marcello Lippi firmiert als Sozialist. Da hätte ich dann auch eine Frage an den Italien-Experten des ak: Wäre das dann ein Sieg des "rechten" oder des "linken" Fußballs?

Wohl eher ein "historischer Kompromiss".

Im Verlag Die Werkstatt (Göttingen) erschien kürzlich "Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft", herausgegeben von Dietrich Schulze-Marmeling und Hubert Dahlkamp, 592 Seiten, 24,90 EUR; außerdem das "WM-Lexikon", herausgegeben von Dietrich Schulze-Marmeling und Hardy Grüne, 192 Seiten, 9,95 EUR.

"Wir sind hierher gefahren und haben gesagt: Okay, wenn wir verlieren, fahren wir wieder nach Hause." (Marco Rehmer)

"Ich habe nie an unserer Chancenlosigkeit gezweifelt." (Richard Golz)