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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 514 / 16.2.2007

Widerständige Praxis zwischen Flachwasser und Tiefsee

Eine Einladung zum BUKO30: macht#netze

Die mittlere Tiefe der Ostsee beträgt 45 m, im mecklenburgischen Badeort Heiligendamm stößt mensch am Ende der Seebrücke bereits nach sechs Metern auf Grund. Zum Plantschen mag das reichen, Abtauchen ist auch noch möglich. Das sprichwörtliche Versenken der "Gruppe der Acht" scheint dagegen schwierig zu sein. Aber welches Meer ist dafür schon tief genug?

Im Juni 2007 haben die RepräsentantInnen der G8 ihren obligatorischen Sommerauftritt. Ohne tatsächliche Legitimation ist das Treffen vor allen Dingen Symbol für einen komplexen Zusammenhang von politischen, ökonomischen und sozialen Herrschaftsverhältnissen: Ein Knoten in einem Netz von Machtbeziehungen, in das Menschen verfangen sind. Diese Verfangenheit ist nicht rein passiv zu verstehen - sie schließt im Gegenteil ein aktives Mitwirken ein.

Bleiben wir in diesem Bild, kann sich politischer Widerstand als selbstkritisch bewusste Theorie und Praxis verstehen, die nach alternativen Knüpftechniken Ausschau hält. Das subversive und zugleich progressive Potenzial liegt dabei in der Ausweitung der Maschen, im Auflösen der festen Knoten und in der Herstellung neuer Verbindungen und selbstbestimmter Netze. So bringt das Motto des BUKO30 dessen engen inhaltlichen Bezug zum G8-Gipfel und zu den Protesten gegen ihn auf den Punkt: macht#netze!

Zwischen den Ländern des "globalen Nordens und Südens", wie auch innergesellschaftlich, bestehen große Ungleichheiten - hergestellt und aufrecht erhalten werden sie durch die selben kapitalistischen Wirkmechanismen. Koloniale Ausbeutungsverhältnisse, die seit Jahrhunderten bestehen, bedrohen große Teile der Weltbevölkerung existenziell. Neben Kontinuitäten lassen sich aber auch neue Entwicklungen feststellen; so erreicht die kapitalistische Durchdringung aller Lebensbereiche eine neue Qualität.

Unsere Herausforderung besteht darin, Gemeinsamkeiten zu erkennen, ohne die Unterschiede zu verwischen oder zu verharmlosen. Welche Hilfe können Imperialismus-Theorien bei der Analyse dieser Verhältnisse leisten? Was ist das Neue nach dem Ende der Blockkonfrontation? Und in welchem Verhältnis stehen die neuen Kriege, aber auch Überlebenskämpfe "im Süden" mit den Alltagskämpfen um soziale Sicherheit und ein gutes Leben "im Norden"? Wie lassen sich etwa aktuelle Diskussionen um das so genannte "Prekariat" in internationalistischer Perspektive fortführen?

Emanzipatorische Politik als kritische Praxis kann nur funktionieren, wenn sie sich klar gegen die herrschenden und konstruierten Linien Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe und Klasse ausrichtet und versucht, diese zu unterlaufen. Sie muss offen sein gegenüber den praktischen Problemen der Leute, die sie bewegt und bewegen will, und zwar nicht nur, wenn der "fair" gehandelte Kaffee aus der für ihre miesen Arbeitsbedingungen bekannten Supermarktkette einen faden Nachgeschmack hinterlässt. Diese Offenheit verlangt gleichzeitig auch eine selbstkritische Reflexion der widerständigen Praxen. Hier mangelt es gegenwärtig noch immer an gemeinsamen Zielen und zukunftsweisenden Ideen.

Die Verhältnisse, in denen wir leben

Unter diesen Voraussetzungen kann die politische Agitation gegen die G8 nicht nur symbolisch sein. Denn es stellt sich offensichtlich besonders für die "GipfelstürmerInnen" die Frage nach Unterschied und Übergang von bloßem Protest zu stetiger politischer und sozialer Widerstandspraxis. Die Antworten hierauf liegen im Spannungsfeld zwischen Spontaneität und Kontinuität, individueller Motivation und kollektiver Aktion.

Wie verhindert mensch beispielsweise, dass der Protest bei der PR-Veranstaltung "G8-Gipfel" doch nur die Inszenierung von Macht verstärkt? Wie lässt sich die Forderung nach emanzipatorischer Politik mit analytischem Tiefgang in diesem Rahmen überhaupt realisieren? An welchen Stellen besteht dabei die Gefahr der inhaltlichen Verkürzung oder der frust- statt lustvollen Aktivität?

Der Widerstand, den wir wollen

Die kampagnenförmige Politik gegen die G8 entspricht einer allgemeinen Entsicherung des Lebens, den immer kurzfristigeren Lohnarbeitsverhältnissen und unklaren Perspektiven. Prekäre Lebenssituationen und der daraus resultierende Zwang zur Selbstökonomisierung beschleunigen den frustrierten Rückzug in die alternative Nische oder gar den Notausstieg. So geraten Abwehrkämpfe, beispielsweise um den Erhalt des alternativen Wohnprojektes, schnell zur einzigen politischen Maxime. Folgerichtig ist kontinuierliche politische Arbeit immer weniger wahrnehmbar.

"G8 versenken" ist kein Wundermittel gegen die kollektive Ohnmacht. Dennoch kann wirkungsvoller Protest eine Dynamik entfalten, die auch im Alltag Prozesse der kollektiven Selbst-Ermächtigung inspiriert. Das Potenzial zur Radikalisierung politischer Ansätze und zum Austausch über unterschiedliche widerständige Praxen ist angesichts einer beispiellosen Spektrenbreite jedenfalls vorhanden. Voraussetzung: Das "Festival" wird in längerfristiges politisches Arbeiten übersetzt, das eine emanzipatorische und internationalistische Perspektive entwickelt, fördert und verschärft. Ein Anfang für eine neue "globalisierte" Solidarität, die unterschiedliche Lebensrealitäten anerkennt und doch die gleichen Mechanismen in den macht#netzen angreift.

Zwei Monate vor dem Gipfelspektakel hat der BUKO30 die Absicht, Perspektiven und Praxis miteinander zu verknüpfen. Er will Raum schaffen für die Verknüpfung von Themen, Alltags- und Strukturfragen aus den unterschiedlichen Bewegungen, für die Vermittlung zwischen lokalem und globalem Widerstand, zwischen sozialen Prozessen vor Ort und international(istisch)er Politik - und zwischen den unterschiedlichen Realitäten. Und das auch in Bezug auf 30 Jahre Internationalismusgeschichte, wie das Netz der BUKO sie mitgeprägt hat.

Der Kongress, den wir machen

Beleuchten wollen wir dabei unter anderem Verweigerungsmöglichkeiten und kreative Potenziale persönlicher wie kollektiver Aneignungen. Angeschlossen daran sind Fragen nach direkter Kommunikation und konkreter Organisierung. Außerdem sollen die im Zuge der diesjährigen Großmobilisierungen weitgehend ausgeblendeten Themen (wie z.B. Feminismus und Antisemitismus) Platz finden. Antikapitalistische, antirassistische, feministische, radikal-ökologische, antinationale, antifaschistische und antispeziesistische Positionen sind willkommen, sich kritisch-solidarisch aufeinander zu beziehen und sich nicht gegeneinander auszuspielen. Insofern versteht sich der BUKO als offene Plattform.

Das bedeutet aber auch, partizipative Formen der Diskussion wie des Erfahrungsaustauschs zu realisieren, die Polarisierung zwischen "akademischem" und "praktischem" Wissen zu durchbrechen und vielleicht zu eng gefasste politische Felder gemeinsam neu zu denken. Inhaltliche Knotenpunkte werden bisher unter Arbeitstiteln wie "Energie", "Migration", "Militarismus", "Ökonomisierung und Privatisierung" sowie "Geschlecht-Macht-Politik", "Widerstand und Organisierung" und "unerwünschte Anschlüsse" vorbereitet.

Unter dem plakativen Motto macht#netze eröffnen wir die Diskussion und freuen uns auf rege Beteiligung am BUKO30 vom 6. bis 9. April in Leipzig.

Die Vorbereitungsgruppe des BUKO30

Anmerkung:

Die Vorbereitungsgruppe des BUKO30 ist ein heterogener Haufen aus verschiedenen politischen Bereichen, Gruppen und Städten. Dieser Text ist das Zwischenergebnis langer Auseinandersetzungen und wird wie so vieles als "work in progress" weiter diskutiert. Auf dem BUKO dann in erweiterter Runde ...

Der BUKO30 wird veranstaltet von der Bundeskoordination Internationalismus gemeinsam mit: AG du bist bertelsmann Bremen/Hamburg; AG Geschlecht, Macht, Politik Frankfurt a.M.; Aktionsgemeinschaft Flughafen natofrei Leipzig/Halle; andiamo! projekt linke basis; anti atom aktuell - Redaktion; Anti-Atom-Büro Hamburg; attac Leipzig; FelS Berlin; Flüchtlingsinitiative Brandenburg (FIB); linXXnet Leipzig; Netzwerk gegen Militärstandorte und deren Auswirkungen und dem StudentInnenrat Universität Leipzig.