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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 531 / 19.9.2008

Macht und Gerechtigkeit

Die Chomsky-Foucault-TV-Debatte von 1971 kann jetzt auf deutsch nachgelesen werden

Zwei Giganten des Nachkriegsdenkens hat der Journalist Fons Elders 1971 im niederländischen Fernsehen zusammen gebracht: Michel Foucault (1926-1984) auf der einen und Noam Chomsky (1928) auf der anderen Seite, zwei Intellektuelle, die wie wenige andere TheoretikerInnen die Diskussionen nach 1968 maßgeblich beeinflusst haben.

Michel Foucault, der bereits in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France 1970 sein Vorhaben umriss, die Abendländische Geschichte von Vernunft/Wahnsinn neu schreiben zu wollen, eine "Archäologie des Wissens" vorzunehmen, welche eine wissenssoziologische Analyse der Rolle des Autors beinhaltet, des Redens, bzw. Nicht-Redens über Sexualität, der Klinik, Gefängnisse und Macht. Mit anderen Worten ging es ihm darum, die Raster der Ausschließung dieser Gesellschaft aufzuzeigen. Foucault hat gleichzeitig die politische Theorie und Praxis der Linksradikalen, den marxismusinspirierten Gruppen der 1970er und 1980er Jahre entschieden beeinflusst. Mit der Gruppe Gefängnisinformation (GIP) probte er von 1971-73 ein Gruppenkonzept, das von vornherein darauf angelegt war die Initiatorengruppe aufzulösen, sobald die Strafgefangenen sich selbst organisieren um die politische Arbeit autonom zu übernehmen, also als Relais (er mochte die Maschinenmetaphern) fungieren, wie Foucault es nannte. In "Überwachen und Strafen" (1976) hatte er u.a. dieses Konzept genau beschrieben.

Noam Chomsky, der dieses Jahr 80 Jahre alt wird, ist der meistzitierte Sprachwissenschafter der Welt. Seine Bibliographie umfasst über 700 Einträge, wobei über die Hälfte davon politische Themen behandeln. Er ist bis heute eine der Symbolfiguren der Antikriegsbewegung in Amerika. Sein linguistisches Hauptwerk zur Universalgrammatik wirkt bis heute auch in den Bereichen der Neurolinguistik, der Lerntheorien und der Psychologie. In den aktuellen Forschungen über Intuition (Bauchentscheidungen vs. Kopfentscheidungen) spielt Chomsky eine wichtige Rolle. Eine sehr gute Einführung in sein Denken liefert "Sprache und Politik" (Berlin 1999), mit Vorträgen, Interviews und Aufsätzen aus den 1980er Jahre... Das neu erschienene Bändchen von orange press enthält die gesamte Diskussion zwischen Foucault und Chomsky, moderiert und mit einem aktuellen Vorwort versehen von Fons Elders.

Einzigartige Debatte mit Humor und Selbstironie

Elders geht es darum, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Denken der beiden herauszuarbeiten, beispielsweise Chomskys Annahme für seine Sprachtheorie, dass die Menschen von Natur aus mit einem System intellektueller Organisation ausgestattet seien, einer universellen Grammatik, die man auch als Anfangszustand des Geistes bezeichnen könne. Foucault misstraute dieser Annahme, allerdings nicht prinzipiell, er kennt das Werk Chomskys offensichtlich sehr genau und beide sind darum bemüht die zum Teil unterschiedlichen Begrifflichkeiten, Ansätze und Methoden aufeinander zu beziehen. Die Diskussion, welche mehrmals durch Zwischenfragen des Studiopublikums unterbrochen wird, verläuft jedenfalls sehr sachlich. Und wird gelegentlich sogar richtig lustig, als Elders nach Foucaults Politikverständnis fragt. Foucault: "Ihre Frage lautet, warum ich so an Politik interessiert bin? Am liebsten würde ich mit einer Gegenfrage antworten: Warum sollte ich nicht? Mit welcher Blindheit, welcher Taubheit, welcher engstirnigen Ideologie müsste ich geschlagen sein, um mich vom Interesse für das alles entscheidende Thema abzuhalten?"

Chomsky wiederum, der bereitwillig und eloquent auf Fragen zum Anarchosyndikalismus, zu Arbeiterräten und anderen freien Zusammenschlüssen antwortet, widerspricht der Revolutionstheorie Foucaults, der mit Spinoza argumentiert, bzw. kokettiert, dass der Klassenkrieg geführt würde, um ihn zu gewinnen, nicht weil er gerecht wäre. In diesen seltenen Momenten schimmert durch, wie sehr das unbedingte Denken Foucaults jenes seiner Generation beeinflusst hat, und umgekehrt das analytische Denken Chomskys jenes eines anderen Teils. Das mag sicher auch eine Frage der unterschiedlichen Persönlichkeiten sein, Elders berichtet im Vorwort davon, dass der Franzose nach 20 Uhr keinen Philosophenkollegen mehr treffen wollte und sich statt dessen lieber im subkulturellen Zentrum Melkweg in Amsterdam vergnügte.

Während der niederländische Fernsehsender N.I.O. im Frühjahr 2008 ein weiteres Porträt von Chomsky produziert von Fons Elders, ausstrahlte, glauben die Fernsehverantwortlichen hier zu Lande anscheinend man könne dies dem deutschen Publikum nicht zumuten? Und dass zumindest diese einzigartige Diskussion endlich auch schriftlich vorliegt ist einem kleinen, unabhängigen und sehr ambitionierten Verlag zu verdanken.

Adi Quarti

Michel Foucault, Noam Chomsky, Fons Elders: Absolute(ly). Macht und Gerechtigkeit. orange press, Freiburg 2008.