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ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 549 / 16.4.2010

Aussöhnung inakzeptabel

Neue Mobilisierung am 8. Mai nach Mittenwald

Das am 21. März 2010 eingeweihte Denkmal für die "Opfer der Kriegsverbrechen" deutscher Gebirgsjäger ist Abschiedsgeschenk an die Gemeinde Mittenwald und zugleich Abschluss der siebenjährigen Kampagne des AK Angreifbare Traditionspflege. Für die Gemeinde sollte die Denkmalaufstellung das Ende der lästigen Proteste gegen das Kriegsverbrechertreffen markieren. "Von unserer Seite kommen keine Demos mehr", wurde dem CSU-Bürgermeister versprochen. (Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, 16.11.09) Wir aber, die Traditionsabteilung des AK, erlauben uns, den Protest fortzusetzen. Wir sind nicht einverstanden mit einem Ende der Proteste gegen das letzte große Kriegsverbrechertreffen der Wehrmacht. Die NS-Täter leben noch und pilgern ausgerechnet am 8. und 9. Mai nach Mittenwald.

Bis heute zeigt sich in Mittenwald exemplarisch, dass die NS-Vergangenheit in den neuen Kriegen und sozialen Auseinandersetzungen bei aller Modernisierung präsent bleibt. Mittenwalder Gebirgsjäger quälen sich nicht nur gegenseitig mit der Einnahme von Schweineleberspezialitäten, sondern sind v.a. an den Kriegseinsätzen der Bundeswehr führend beteiligt. Mittenwalder Gebirgsjäger und ihre Offiziere sollen der Welt deutsche Demokratie bringen und werden bis heute von Wehrmachtssoldaten, Waffen-SS'lern und Gebirgsjäger-Polizisten sozialisiert, die nachweislich an Massakern an Zivilisten und an Deportationen von Jüdinnen und Juden beteiligt waren. Auf Kameradschaftsabenden und in der Vereinspostille "Gebirgstruppe" geben sie seit Jahrzehnten ihre "Erfahrungen mit den hinterhältigen Partisanen" ungestört und unverblümt an künftige Generationen von Gebirgsjägern weiter und leugnen gleichzeitig ihre Beteiligung an Massakern und an Morden.

Wir sind 2002 wegen der NS-Kriegsverbrecherfeier erstmalig nach Mittenwald gekommen. Ein allgemeiner antimilitaristischer Kampf hat sich daraus nicht automatisch ergeben. Natürlich haben wir die Bundeswehr seit 2003 explizit auch von einem antimilitaristischen Standpunkt aus angriffen: "Wir wollen keine Zukunft, die irgendwelche Militärs mitgestalten. Das Militär hat keine Zukunft, es ist Garant einer Gegenwart, die jeder emanzipatorischen Politik entgegen steht", hieß es.

Grenzcamp und Ferienkommunismus

Wir luden zu einem Wiederentwaffnungscamp nach Geretsried, um in Oberbayern eigenständige antimilitaristische Aktionen zu entwickeln. Leider ohne Erfolg. Gleichzeitig wurde verstärkt die politische Ausrichtung der Kampagne kritisiert. Uns wurden "Rückwärtsgewandtheit" und zu viel Geschichtspolitik vorgeworfen, anstatt den praktischen antimilitaristischen Widerstand zu entwickeln. Die Mittenwald-Kampagne kann aber nicht die politischen Probleme der antimilitaristischen Bewegung lösen. Spätestens seit dem 11. September 2001 haben sich unsere Solidaritätskriterien und Kampfbedingungen verändert. Die heutigen Kriege müssen vor allem aus den aktuellen Bedingungen heraus kritisiert und angegriffen werden.

Die Besonderheit in Mittenwald ist die tiefe Eingebundenheit der Militärs in seine NS-Geschichte. Man kann es nicht besser formulieren als der ehemalige Nato-Befehlshaber Reinhardt in seiner Ansprache im Jahre 2000 auf der Veteranenfeier: "Die Gebirgstruppe der Bundeswehr ist von Männern aufgebaut und geistig ausgerichtet worden, die als Kommandeure, als Kompaniechefs und Kompaniefeldwebel die schreckliche Erfahrung des Krieges und der Diktatur am eigenen Leib erlebt und durchlitten haben. Sie haben die Uniform wieder angezogen, um uns, der nachfolgenden Generation, das Koordinatensystem ihrer Werteordnung weiterzugeben."

Für uns war Mittenwald nicht nur historisches Forschungsobjekt und ethnologisches Experimentierfeld, sondern auch ein Grenzcamp und Ferienkommunismus. Wir haben viel ausprobiert, haben uns meist blendend amüsiert und waren gleichzeitig entsetzt über Polizeibrutalität und Dummheit der örtlichen Politiker. Besonders gefallen hat uns die Zusammenarbeit mit Antifas aus Oberbayern, mit AktivistInnen aus Wien und Kärnten, die, auch von den Mittenwalder Kampagne inspiriert, ihrerseits erfolgreiche Kampagnen gegen die SS-Treffen am Schliersee und am Ulrichsberg starteten.

Wir liefen in allen Fernsehkanälen, wir schlichen manche Nacht über den Hohen Brendten, wir standen bei Edmund Stoiber in Wolfratshausen und forderten zusammen mit dem Simon Wiesenthal Zentrum seinen Austritt aus dem Kameradenkreis, wir demonstrierten bei dem SS-Polizeigebirgsjäger Staudacher, dessen Regiment die Athener Juden für die Deportation nach Auschwitz zusammengetrieben hatte. In Ottobrunn waren wir schon bei Kriegsverbrecher Scheungraber, bevor die deutsche Justiz sich zu einem Prozess bequemte. In Dillingen standen wir vor Othmar Mühlhausers Haus, dem Mörder des italienischen Hauptmanns di Negri auf Cefalonia.

Am wichtigsten waren für uns die Begegnungen mit den ZeitzeugInnen. Seit 2002 versuchen wir in der Mittenwaldmobilisierung, Holocaust-Überlebende, WiderstandskämpferInnen und deren Angehörige einzubeziehen. Sie waren und sind für uns der wichtigste Teil der Mobilisierung gegen das Kriegsverbrechertreffen. Sie sind der lebendige Ausdruck für die Legitimität und die Möglichkeit von Widerstand. Es gibt für uns keinen Grund, in Mittenwald und anderswo damit aufzuhören, ZeitzeugInnen zu treffen und einzuladen, solange es noch geht.

Kein Grund für ein Ende der Proteste

Es gibt sicher jede Menge subjektiver Gründe, die Gemeinde Mittenwald dauerhaft zu meiden, aber es gibt keinen einzigen politischen Grund, die Proteste gegen das Kriegsverbrechertreffen auf dem Hohen Brendten für beendet zu erklären, auch wenn einem die Gemeinde dafür erlaubt, ein Denkmal aufzustellen.

Das Kriegsverbrechertreffen wird nicht weniger bekämpfenswert dadurch, dass in Mittenwald jetzt dieses Denkmal steht. Noch gibt es ZeitzeugInnen, die uns an ihren Erfahrungen teilnehmen lassen, noch feiern NS-Täter in Mittenwald, noch sozialisiert der Kameradenkreis junge Rekruten in der Tradition der Wehrmacht. Aktuell schafft die Bundeswehr neue Entschädigungsgründe, bevor für die alten bezahlt wurde. Noch gibt es etliche Gebirgsjäger, die zur Rechenschaft gezogen werden können.

Maurice Cling, Auschwitz-Überlebender aus Paris und Ehrengast bei der Denkmalseinweihung in Mittenwald hat es noch mal deutlich gemacht: Jede "Aussöhnung" zwischen Tätern und Opfern ist inakzeptabel. (Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, 31.3.10) Wir haben zuletzt bei der Kampagne gegen den SS-Mann Heinrich Boere in Aachen verstanden, dass die Verletzungen und Traumatisierungen aus der NS-Zeit in ganz Europa noch spürbar und virulent sind und dass die Forderungen nach Strafverfolgung der Täter und nach Entschädigung der Opfer nach wie vor aktuell sind. Und damit auch unsere Proteste in Mittenwald.

AK Angreifbare Traditionspflege

http://twitter.com/AngreifbareTrad

http://mittenwald.blogsport.eu

Spendenkonto: Freie Medien, Postbank Essen, Kto 470834437, BLZ 36010043, Stichwort Mittenwald


Die Planung zum 8./9. Mai:

7. Mai 2010

Fahrt nach Mittenwald mit Zwischenstopps und Kundgebungen bei nicht verurteilten NS-Kriegsverbrechern, u.a. bei den SS-Leuten Klaas Faber in Ingolstadt und bei Sören Kam in Kempten.

8. Mai 2010 Liberation-Tour

Antimilitaristische Kaffeefahrt: "Besichtigung" der Nato-Schulen von Oberammergau und Garmisch-Partenkirchen und Besuch der Gräber von Deserteuren in der Region.

Ab 15:00 Uhr: Zeitzeugenveranstaltung am neuen Denkmal. Begrüßung der ZeitzeugInnen durch Abgeordnete des Bundestages und des österreichischen Nationalrates. Angefragt: Manolis Glezos (Athen), Shlomo Venezia (Rom), Leon Landini (Paris)

17:00 Uhr Kundgebung und Demonstration gegen das Kameradschaftstreffen

19:00 Uhr Konzert mit Gasparazzo (angefragt)

9. Mai 2010 Aktionen gegen die Brendten-Feier

Ab 8:00 Uhr Protestwanderung auf dem Hohen Brendten zum "Ehrenmal" der Gebirgsjäger

10:30 Uhr Inspektion des Feldgottesdienstes mit Abgeordneten (angefragt)

12:00-15:00 Uhr Kundgebung in Mittenwald