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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 592 / 18.3.2014

Neuer Orientalismus

Kultur Wie der deutsche Dokumentarfilm »Art War« die ägyptische Revolution als Performance hipper KünstlerInnen feiert

Von Katja Janßen

Der Berliner Regisseur Marco Wilms reiste im Frühjahr 2011 nach Kairo, um die ägyptische Revolution zu filmen. Seine 90-minütige Dokumentation »Art War« über junge RevolutionskünstlerInnen in Kairo verspricht, ein neues rebellisches, junges Ägypten zu zeigen. Doch trotz der guten Absicht ist der Film ein Paradebeispiel für einen neuen, subtileren Orientalismus. Der klassische Orientalismus, wie ihn Edward Said kritisiert hat, konstruiert den »Orient« als männlich dominiert, gewalttätig-primitiv und unveränderlich und macht ihn somit kontrollier- und beherrschbar. Mit den Aufständen in den arabischen Staaten hat sich der orientalistische Diskurs den neuen Gegebenheiten angepasst. Damit bleibt die westlich-orientalistische Deutungshoheit über die arabische Welt und ihre Menschen erhalten.

Der Film ist ein Lehrstück dafür, denn er unterscheidet zwischen den coolen, englischsprachigen KünstlerInnen, die Hiphop und Elektro hören, Sneakers tragen und Stencils sprühen, und den bärtigen Männern und verschleierten Frauen, die wie irre zu Gott in den Himmel zeigen und die ägyptische Revolution der »Revolutionsjugend« bedrohen. Diese Dichotomie zwischen denen, die so sind wie wir, die die gleiche Musik hören wie wir und die gleiche Kleidung tragen wie wir, und denen, die absolut nicht so sind wie wir, ermöglicht die Aufrechterhaltung des klassischen Bildes vom »Orientalen« als irrationales, gefährliches, bärtiges Wesen.

Der »Orientale« in »Art War« kommt nicht zu Wort. Er tritt als bedrohliche Masse oder als islamistische Karikatur auf, die mit einem scheinbar angeklebten Bart in einem unerträglichen Englisch Dummheiten von sich geben darf, um das Publikum von der Gefahr des Islamismus und der überkommenen orientalischen Kultur zu überzeugen. Die »Revolutionsjugend« hingegen steht für ein demokratisches Ägypten nach westlichem Vorbild. Daher darf sie beim Sprühen oder nach der Party viel über die eigene Befindlichkeit reden. Aber was wollen diese stylischen Kinder der Oberschicht eigentlich, wenn sie von »satanischen Homosexuellen« singen oder Schablonen von bärtigen Islamisten basteln? Geht es ihnen um die sexuelle Revolution? Zu wem sprechen sie, wenn sie ihre Party-Musikvideos drehen?

»Art War« porträtiert ein paar ägyptische KünstlerInnen als »so wie wir« und nennt sie die »Revolutionsjugend«. Damit stellt der Film die ägyptische Revolution als ein Produkt unseres eigenen Wertesystems dar, das den »Orientalen« als Bedrohung des Eigenen produziert und reproduziert und Gender, aber niemals Klasse als Analysekategorie verwendet, um das Eigene als das Fortschrittlich-Emanzipierte zu konstruieren. Nicht die Anderen, die nicht so sind wie wir, weil sie nicht so emanzipiert sind wie wir, nicht die ägyptische Subalterne, die ArbeiterInnen und Arbeitslosen Ägyptens, machten die Revolution, sondern die hippen, sexuell befreiten Electro-MusikerInnen und Graffiti-SprüherInnen. Wir sehen uns in ihrer Kunst, denn ihre Kunst ist für uns gemacht. Die »Revolutionsjugend« in »Art War« spricht nicht zu den ÄgypterInnen, sie spricht zu uns. Ihre Revolution verfolgt keine politischen Ziele, sondern ist eine für uns geschaffene Performance.

Edward Said analysierte, wie der orientalistische Diskurs des 19. Jahrhunderts den Orient, das Andere konstruierte, um den Okzident und das Eigene zu schaffen. »Art War« sagt nichts über die ägyptische Revolution, aber alles über unsere Vorstellung von ihr. Was sagt »Art War« über »uns« im »Westen«? Wir lieben Graffiti und Electro. Wir sind sexuell frei, aber nicht emanzipiert. Wir interessieren uns für die Ästhetik von Revolutionen, aber nicht für deren Ursachen. Wir verachten Menschen, die anders sind als wir, und haben Angst, wenn sie ihre Rechte einfordern. Wir finden diejenigen sympathisch, die in Ländern, die uns fremd sind, so leben wollen wie wir. Wir sind post-politisch und verstehen Revolution nicht als Kampf um politische Rechte, sondern als Performance.

Seit »Art War« mache ich mir ernsthaft Sorgen um das christliche Abendland.

Katja Janßen lebt in Leipzig, wo sie am Orientalischen Institut über die zeitgenössische Dichtung der palästinensischen Diaspora promoviert.