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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 600 / 16.12.2014

Es gibt kein richtiges Arbeiten im Falschen

Politik als Beruf Die politische Radikalität der Neuen Linken zeigt sich am Bauzaun - selten am Arbeitsplatz

Von Titus Engelschall und Elfriede Müller

Die Neue Linke in der Bundesrepublik konnte sich nicht aus der Arbeiterbewegung heraus entwickeln. Das verhinderte der durch den Nationalsozialismus herbeigeführte Traditionsbruch. Das ist ein Grund, warum sich die Neue Linke nicht von dieser Tradition emanzipieren konnte, wie es die französische und italienische Neue Linke zumindest versucht hat. Die nach dem Programm von Bad Godesberg zur Volkspartei mutierte SPD zog höchstens noch einige verstreute Trotzkist_innen an, die sich im Entrismus verloren. Die DKP, gegründet nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Prag, hatte für die Neue Linke keine Attraktivität, genauso wenig wie die DDR.

Die aus der Niederlage der 1968er-Bewegung entstandenen K-Gruppen waren eher eine Farce, die an die Stalinisierung der KPD anknüpften statt an das Klassenbewusstsein einer im Leben und der Lohnarbeit verankerten Arbeiterbewegung. Der kurze Höhenflug der K-Gruppen, die es geschafft hatten, bundesweit einige Tausende zu organisieren, änderte im Prinzip nichts am berechtigten Misstrauen der Neuen Linken gegenüber Parteien und Parlament. Dieser für die Bundesrepublik typische Erfahrungsmangel mit Parteien und Parlament hat die Grünen so schnell kapitulieren lassen. Auch deshalb wissen viele heute nicht, wie mit der Partei DIE LINKE umzugehen ist.

Politikbremse Lohnarbeit

Die Neue Linke verstand sich als außerparlamentarisch und häufig auch außerbetrieblich, was nicht bedeutete, dass die Einzelnen etwas anderes als ihre Arbeitskraft zu verkaufen hatten. Selbstverständlich gab es immer auch eine betriebliche Linke in der Bundesrepublik, Proletarisierungen ganzer Organisationen, die von allen geschätzte Plakatgruppe, die Gruppe Wildcat, den Operaismus und andere Versuche. Gleichwohl lag der Schwerpunkt der Neuen Linken nicht in den Betrieben. Sie erlangte ihre Erfolge mit der Außerparlamentarischen Opposition (APO), der Frauenbewegung, der Anti-AKW-Bewegung, dem Häuserkampf, dem Antirassismus, der Antifa.

Diese Erfolge und auch manche Niederlage ereigneten sich in einer ökonomisch im Vergleich zu heute stabilen Bundesrepublik, in der das Auskommen oder gar das ökonomische Überleben noch kein Problem zu sein schien und kein Politikum war. Gleichwohl zeichnet sich die Neue Linke auch dadurch aus, dass es sich größtenteils um eine Jugendbewegung handelt. Sobald soziale Zwänge wie Lohnarbeit oder eine Familiengründung anstehen, ist es meistens vorbei mit der politischen Aktivität. Dass Familie, Beziehungen, Kinderkriegen sehr viel mit Politik zu tun haben, wird gerade wieder von Feminist_innen in die Debatte eingebracht. Bei der Lohnarbeit ist das bisher nicht der Fall.

Der in der Bundesrepublik verankerte Antikommunismus trug auch dazu bei, dass bei den Lohnabhängigen eher Sozialpartnerschaft statt Klassenkampf angesagt war. Er sorgte ebenfalls dafür, dass die radikale Linke immer marginal blieb und sich höchstens in einzelnen Kampagnen als gesellschaftliche Kraft etablieren konnte. Die Bildungsreform hat aus den Kindern von Arbeiter_innen und kleinen Angestellten häufig Akademiker_innen werden lassen, denen das Klassenbewusstsein gar nicht abhandenkommen konnte, weil es nie da war. Politische Radikalität äußerte sich bei der Neuen Linken selten am Arbeitsplatz, eher am Bauzaun, im besetzten Haus und auf der Straße. In den erkämpften Freiräumen lebten klassenlose Kollektive, außerhalb lag die feindliche Gesellschaft.

Deshalb war das Rüstzeug nicht vorhanden, um die auf alle zukommende Lohnarbeit als Bestandteil der politischen Arbeit zu begreifen und die im besetzten Haus gelernte Solidarität beispielsweise im Mittelbau der Universitäten in eine gewerkschaftliche Interessensvertretung münden zu lassen. Als die französischen Universitäten zur Einführung des Bolognaprozesses bestreikt und besetzt wurden, empörten sich hierzulande nur bildungsbürgerliche Eliten im Feuilleton. In Spanien und Frankreich ist der universitäre Mittelbau, genauso wie die Studen#160t_innen, gewerkschaftlich organisiert.

Kritik der Lohnarbeit als Schule der Selbstregierung

Hierzulande versuchten vor der Entstehung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und anderer NGOs, die bevorzugt Linke einstellen, zahlreiche Linke, universitäre Ehren und damit einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz zu erlangen. Auch in anderen Ländern sind linke oder gar linksradikale Professor_innen oder Lehrbeauftragte kein Massenphänomen, aber es gibt sie. Dass sie in Deutschland an einer Hand abzuzählen sind, hat sehr viel mit dem Feudalismus der universitären Verhältnisse zu tun, den die Linke nie gebrochen hat, auch wenn es zaghafte Versuche gab. Deshalb vollzieht sich der Weg von der Promovend_in zur deutschen Professor_in selten mit aufrechtem Gang.

Als in den 1970er Jahren alternative Betriebe von Buchläden über Druckereien und Kinderläden bis zu Taxikollektiven entstanden, hatte dies viel mit der Enttäuschung über vorherige Politikkonzepte zu tun. Im kollektiven Selbstversuch wollten die Aktivist_innen im Hier und Jetzt die emanzipatorische Gesellschaft vorwegnehmen und eine praktische Kritik am Kapitalismus leben: Sie betonten nicht nur die Gebrauchswertorientierung der Produktion, sondern setzten den herrschenden Arbeitsverhältnissen eine basisdemokratische, selbstorganisierte und hierarchiefreie Arbeitsorganisation entgegen, in der die Trennungen von Hand- und Kopfarbeit, Arbeit und Freizeit, Privatem und Politischem sowie Produktion und Reproduktion aufgehoben werden sollte.

Wider Willen verloren diese alternativen Sozialexperimente ihre kritische Substanz, als mit dem Neoliberalismus alternative Formen der Arbeitsorganisation, wie flache Hierarchien, flexible Arbeit und autonomes Selbstmanagement, zu neuen Tugenden des »unternehmerischen Selbst« (Bröckling) erklärt wurden. Was als praktische Kritik der Lohnarbeit begann, wurde zur Schule einer neuen Form kapitalistischer Selbstregierung.

Das deutsche Bildungssystem trägt dazu bei, dass das »Arbeitsleben« recht lange hinausgeschoben werden kann. Ein später Eintritt in die Lohnarbeit ohne politische Tradition und Rüstzeug kann schnell zur Kapitulation im Alltag führen - vor allem dann, wenn es sich dabei um (inhaltlich, nicht unbedingt finanziell) qualifizierte Arbeit handelt. Dass der Klassenbegriff wie der Klassenkampf schon lange nicht mehr auf den Industriekapitalismus zu verengen sind, ist seit 1968 eigentlich Common Sense in der Neuen Linken. Zumal die Aktivist_innen in der Regel mehr Universitäten als Betriebe von innen gesehen haben, aber zu ihren eigenen Ungunsten im Ersten nicht das Zweite entdeckten.

Der Spätkapitalismus hat es geschafft, selbst Linken die Illusion zu vermitteln, dass ein Beruf eine Berufung und das Arbeitsleben Selbstverwirklichung sei. Die Falle der Identifikation mit dem eigenen Tun lauert selbst noch im blödsinnigsten Job. Dass diese Form der Ausbeutung die höchste Form der Entfremdung darstellt, wird höchstens abstrakt verstanden. Es käme aber darauf an, die Identitätsfalle im eigenen Lohnarbeitsverhältnis selbstkritisch zu dekonstruieren.

Politik ist Teil einer linken Infrastruktur

Die Gründe sind nicht mehr nur in der Trennung von politischer Organisierung und Lohnarbeit zu suchen. Mittlerweile gibt es auch die Variante der politischen Lohnarbeit ohne politische Organisierung, etwa in NGOs, Stiftungen und Zeitungen. Existierte bei den in den 1970er Jahren politisierten Linken noch eher ein reflektiertes oder wenigstens distanziertes Verhältnis zur Lohnarbeit, ist die Identitätsfalle des »neuen Geistes des Kapitalismus« inzwischen vollends zugeschnappt.

Aus Mangel an Arbeitsangeboten, die nicht nur ermöglichen, ein würdevolles Leben zu führen, sondern auch die von der Arbeit freie Zeit nicht allein zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft zu nutzen, sondern politisch und intellektuell anspruchsvoll zu gestalten, wird die arbeits- und zeitintensive Lohnarbeit gesucht und manchmal auch gefunden, die Lohnarbeit »veredelt« und wie durch einen Zaubertrick zum eigentlichen politischen Engagement erklärt. Gerade in diesen »politischen« Lohnarbeitsverhältnissen fehlt so gut wie immer eine Interessensvertretung, die oft nicht einmal als notwendig erachtet wird.

Diese Ohnmacht liegt nicht nur am Mangel eines zeitgemäßen Arbeitsbegriffs, sondern auch an einer gesamtgesellschaftlichen Entsolidarisierung und Individualisierung, die die aktuelle Ausbeutung überhaupt erst ermöglichen. Die Existenz von linken Stiftungen, NGOs und selbst die einer Partei, die zwar nicht sehr links, aber sehr links von der Sozialdemokratie steht, ist eine Errungenschaft für Bewegungen und Projekte, die damit finanziert und infrastrukturell unterstützt werden können. Selbstredend müssen sie darauf achten, ihre politische Unabhängigkeit zu wahren. Allerdings sollten und können sie eine Organisierung der radikalen Linken nicht ersetzen.

Dass diese Stiftungs-NGO-Partei-Struktur für viele Linke auch eine Jobmöglichkeit bietet, muss nicht bedeuten, dass es innerhalb dieser Strukturen keine Interessensvertretungen gibt. Die innere reflektierte Einstellung linker Individuen gegenüber ihrer eigenen Lohnarbeit reicht nicht aus. Sie ist aber Voraussetzung für ein linkes Konzept von Lohnarbeit, das die eigene Position immer mit-, wenn nicht sogar zuerst denken muss. Linke Infrastruktur bleibt nur so lange ein Instrument eines emanzipatorischen Plans, wie die gesellschaftlichen Widersprüche in ihrem Inneren erkannt, zugelassen und politisiert werden. Die Politik spielt sich nicht nur außerhalb dieser Infrastruktur ab, sondern ist ein Teil von ihr.

Die Existenz dieser für die Linke fast lebensnotwendig gewordenen Infrastruktur muss vielleicht auch deshalb zu einer Professionalisierung linker Politik führen, weil die aktuellen gesellschaftlichen Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse so verfasst sind, dass es immer schwieriger zu werden scheint, ein distanziertes Verhältnis zum eigenen Tun aufzubauen und sich politisch zu engagieren. Doch wird diese Infrastruktur das politische Engagement und die linke Organisierung nur unterstützen, aber nie ersetzen können. Es gibt kein richtiges Arbeiten im Falschen.

Titus Engelschall und Elfriede Müller sind Mitglied bei der jour fixe initiative berlin.