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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 601 / 20.1.2015

Die Dialektik der politischen Lohnarbeit

Diskussion Anmerkungen zum Schwerpunkt »Politik als Beruf« in ak 600

Von Peter Ullrich

Mit dem Schwerpunkt zu den Auswirkungen links-akademischer Lohnarbeit in Wissenschaft und politiknahen Bereichen hat die ak-Redaktion ein extrem wichtiges Thema aufgegriffen. Die Problematisierung von Jobs in der Forschung oder als Referent_innen von Fraktionen und Abgeordneten steht gerade ak gut zu Gesicht, wie ein Blick auf die Liste der Autor_innen zeigt. Ich entdecke in fast jeder Ausgabe akademische Kolleg_innen - manchmal auch unerwartete. Und ich kenne das Gefühl, dass bei diesen (bei uns!) manchmal eine nicht unerhebliche Spannung zwischen linker Textproduktion und dem täglichen Agieren beim »Karrieremachen« oder schlicht beim »Dranbleiben« und »Drinbleiben« besteht - mal ganz abgesehen vom Hauptproblem des Aufgesaugt- und Angepasstwerdens durch die Institutionen, die sich in der Regel als stärker erweisen als die Individuen, mit welchen Anliegen diese auch immer in den Institutionen agieren mögen.

Es scheint mir aber zugleich, dass die Debatte noch lange nicht zu Ende geführt ist. Dies hat vor allem einen Grund: Die Texte in ak 600 erwecken über weite Strecken den Eindruck, dass sich die aufgeworfenen Dilemmata (wenn sie denn überhaupt als Dilemma und nicht schlichtweg als binär codierte moralische Frage aufgefasst werden) durch »richtiges« Verhalten richtig lösen lassen. Insbesondere im Text von Wildcat wird argumentiert, dass die wissenschaftliche oder »politische Lohnarbeit« gefährlich und unmoralisch, weil korrumpierend sei. Im Umkehrschluss bedeutet dies dann wohl - und dies wird als Subtext mehr als deutlich -, dass Arbeit an der Discounterkasse oder am Fließband all diese Probleme nicht aufwirft. Hier, so die autonom-linksradikale Romantik, werden wohl Frust, Wut und damit Rebellion produziert, dort hingegen systemstabilisierende Ideologie.

Auch Arbeit in Wissenschaft und Politik ist Lohnarbeit

Dies verkennt zunächst eine wichtige Dimension: Auch die Arbeit in Wissenschaft und Politik ist zunächst einmal Lohnarbeit, die dem schlichten Zweck dient, den Lebensunterhalt abzusichern - wenn möglich oberhalb der Armutsgrenze bei einem Vollzeitjob. Und man sollte sie deshalb, wie Engelschall/Müller zu Recht betonen, nicht mit politischem Engagement verwechseln. Zu den legitimen Bedürfnissen von Lohnarbeitenden, also zu »guter Arbeit«, gehört auch, dass sie interessant, sinnvoll, nicht unterfordernd sein soll. Dass die in der Kritik stehenden Jobs dies häufig erfüllen, gilt es zunächst einmal anzuerkennen - sei es nun die »höchste Form der Entfremdung« oder auch nicht. Allerdings liegt hier tatsächlich das Einfallstor für das Korrumpiertwerden (wenn man »Chef« wird, Verträge vergibt, Leistungen bewerten muss usw.) und für die Bereitschaft, prekäre Beschäftigungsbedingungen zu akzeptieren, die man in anderen Bereichen mit entsprechender Qualifikation kaum hinnehmen würde, oder auf Interessensvertretung zu verzichten. Die Freude an der Sache und die am Horizont winkenden symbolischen und materiellen Gratifikationen sorgen dafür, auch wenn sie für viele ein leeres Versprechen bleiben.

Doch problematischer als die, möglicherweise auch mit einer Portion antiintellektuellem Ressentiment gemischte Unterschlagung des Lohnarbeitscharakters der Jobs in der Wissensarbeit erscheint mir die in einem Teil der Texte transportierte undialektische Sicht hinsichtlich der politischen Effekte dieser Tätigkeiten. Sie erinnert stark an die oft mit gleichem moralinsaueren Reinheitsgebot geführte Diskussion zum Thema Bewegung und/oder Partei.

Die institutionelle Form der Parteien, die im parlamentarischen System agieren, führt über eine Reihe von Anreizen und Zwängen in der Regel zu einer Deradikalisierung der Organisation als solcher und der in ihr Tätigen (wenn sie nicht ohnehin schon von Beginn an als Parteikader sozialisiert werden). Die Geschichte von SPD, Grünen und Linken sind dafür symptomatisch und müssen hier nicht erneut aufgerollt werden. Daraus kann man jedoch keinesfalls den Schluss ziehen, dass Bewegungspurismus den »richtigen« Ausweg darstellt. Denn es ist klar, dass Parlamente und Regierungen sowie die mit ihnen verbundene politische Öffentlichkeit einen Schauplatz gesellschaftlicher Kämpfe um Gegenhegemonie und reale Veränderungen darstellen, der nicht sich selbst überlassen bleiben kann. Man stelle sich den Bundestag vor, wenn es dort »Die Linke« nicht gäbe, und man stelle sich DIE LINKE vor, wenn es in ihr nicht auch radikale, bewegungsverwurzelte Kapitalismus- und Staatskritiker_innen gäbe. Ihr Weg in der Institution ist nicht »der richtige« im Vergleich zur reinen Bewegungsorientierung. Selbst und gerade weil wir wissen, dass dieser Weg im falschen Leben auch ein falscher ist, der verschleißt, aufzehrt und korrumpiert, ist es wichtig, dass er von einigen gegangen wird. Umso wichtiger ist es, dass linke Parteien von radikaleren Bewegungen unterstützt und getrieben werden, um sie auf dem Marsch durch die Institutionen nicht sich selbst zu überlassen. Doch es steht fest: Es gibt keinen allein richtigen Weg im falschen Leben - das ist tragisch, muss aber ausgehalten werden.

An den Unis braucht es kritische Akademiker_innen

Beim Streit Partei/Bewegung finden wir also eine ähnlich dialektische Situation vor, die ein Agieren in Widersprüchen erfordert, wie dies für die »politische Lohnarbeit« gilt. Universitäten und Gewerkschaften ohne radikale Linke (rar genug sind sie ohnehin), will ich mir genauso wenig vorstellen wie Parlamente ohne eine linke Partei. Kritische Wissenschaft, die versucht, ausschließlich in kleinen, autonomen Nischen zu agieren, ist nur um den Preis immenser Selbstausbeutung oder des Freizeitverlusts zu haben. Das mag mit Erlösungshoffnung und Entsagungsvermögen gut ausgerüstete Vollzeitrevolutionär_innen überzeugen, nicht aber Linke, die auch aus hedonistischen Gründen solche sind und die nicht nur für das historische Ziel in einer fernen Zukunft streiten. Und das letzte kritische Seminar, auch verstanden als Angebot an noch nicht überzeugte Studierende, wäre damit Geschichte. Außerdem kann der komplette Exit zu Abschließungen, Esoterik und Weltfremdheit im kleinen Kosmos der Selbstbestätigung führen - auch dies erscheint mir nicht anstrebenswert. Kurzum: Es braucht alternative Strukturen kritischer Wissensproduktion ohne die Zwänge der Akademie ebenso wie kritische Akademiker_innen an den Universitäten, und beide können voneinander profitieren und sind aufeinander verwiesen.

Diese Pros sollten deshalb nicht als antagonistische Argumente missverstanden werden. Alle aufgeworfenen Probleme sind real. Die Institution zwingt zu Kompromissen, sie formt und hält massenhaft unmoralische Angebote bereit. Wie man in Forschungseinrichtungen moralisch auf den Hund kommen kann, zeigt eine derzeit innerhalb der Vertrauensdozent_innen der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) geführte Diskussion um Leistung. Die undistanziert leistungsfixierte Fraktion argumentiert dann gegen Kritiker_innen neoliberaler Leistungsideologie auch mal nach dem Motto »Die sollen sich nicht so anstellen; ich hatte es auch nicht leicht« oder findet, dass Bertelsmann-CHE-Vertreter gute Gesprächspartner_innen zu diesem Thema darstellen. Die entscheidende Frage ist nicht die für oder gegen einen Weg, sondern eher die des Umgangs mit den Widersprüchen und der Ausgestaltung des Verhältnisses von Linken in den Institutionen, den Institutionen selbst und ihrem sonstigen politischen (Bewegungs-)Umfeld.

Dazu gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Der erste ist, wie von Müller/Engelschall nur gestreift, die im weiteren Sinne gewerkschaftliche Organisierung. Es ist möglich, mit Kolleg_innen politisch zu diskutieren und dabei den gemeinsamen Horizont der geteilten Arbeitswelt zum Ausgangspunkt zu nehmen, der eine Politisierung auch bisher wenig Engagierter ermöglicht, die ja durchaus merken, wenn ihre Arbeitsbedingungen nicht nur toll sind. Dieser Ansatz hat sich beispielsweise bei der Organisierung von Sprachlehrbeauftragten für bessere Entlohnung und bei Soziolog_innen im Kampf für »gute Arbeit« als sinnvoll erwiesen. Ansetzen ließ sich oft weniger bei deren Klassenbewusstsein als bei der jeweiligen Wertschätzung der eigenen Arbeit, was dann auch verallgemeinerbare Reflexionen über die systematische Misere der eigenen Situation ermöglichte. (1)

Im Kreis der Kolleg_innen können, sogar in kleineren organisatorischen Bereichen durchaus fortschrittliche Prinzipien oder Minimalstandards umgesetzt werden. Dazu zählt beispielsweise die solidarische Organisierung von freien Bildungsarbeiter_innen in gewerkschaftsnahen Einrichtungen, die gegen ihre Auftraggeber_innen kollektive Vertretungsrechte und Beschäftigungsgarantien zu erstreiten suchen. Und dazu zählt es, wenn sich Einrichtungen mit kollegialen Entscheidungsstrukturen (die gibt es an Universitäten) darauf einigen, keine Praktika anzubieten (oder diese auf bezahlte Pflichtpraktika zu beschränken) - was den einzelnen wenigstens an diesem Punkt aus der Verantwortung nimmt, sich immer wieder individuell für das Richtige entscheiden zu müssen.

Carsten Sauter hat in seinem Beitrag zu Recht darauf hingewiesen, dass es generell gilt, auch die eigenen Arbeitsverhältnisse zu thematisieren und zu reflektieren - auch in der politischen Gruppe. Dass es hierfür ein wachsendes Bewusstsein gibt, zeigt die große Resonanz auf die Berliner Veranstaltungsreihe »Ich möchte kein Teil einer Jugendbewegung sein - Neuköllner Salon gegen den Ausstieg« der Naturfreundejugend, in denen die Dilemmata des Politischbleibens jenseits der Dreißig und eben auch in den akademischen Institutionen diskutiert wurden.

Diskussion im Kollektiv als politisches Korrektiv

Der wichtigste Ansatz, der Macht der Institution etwas entgegenzusetzen, besteht in der Ein- und Rückbindung an die Bewegung(en) als kollektives politisches Korrektiv. (Carsten Sauter) In solchen Strukturen kann man materiellen Ausgleich organisieren (über Solidarfonds beispielsweise) und für die Einhaltung ethischer Prinzipien sorgen, die man in der Institution nur allzu schnell mal zu vergessen bereit ist. Eine solche Reflexion über die Arbeit außerhalb der Arbeit ist insbesondere deshalb wichtig, weil die Organisierungsbedingungen in dem entsprechenden Bereich so schlecht sind: Kurze Verweildauer, Projektemacherei und (Schein-)Selbstständigkeit schwächen die Konfliktfähigkeit. Externe Gruppen und Netzwerke können - und müssen - den Ausgleich sicherstellen.

Eine solche Initiative, die das auch für Un(ter)organisierte leisten will, hat sich im vergangenen Jahr in Berlin gegründet. Das Netzwerk »Prekäres Wissen« will nicht nur Bewegungsgedächtnis, Informationsknotenpunkt und Treffpunkt sein - mit Treffen im Abstand von einigen Wochen und Informationsaustausch über seine Webseite (2) -, sondern auch und gerade Ort der Reflexion und des Auskotzens über die vermaledeite Arbeit. Bei den bisherigen Treffen wurde über verschiedene Themen diskutiert, beispielsweise über Honorare: Welche Praxis gibt es, was kann man verlangen, wer gibt was, was kommt am Ende als realer Lohn heraus, aus welchen kollektiven Praxen kann man lernen? Immer geht es um Wissen und Gesellschaftstheorie genauso wie um die subjektiven Erfahrungen, um Selbstreflexion wie auch um Kritik. Was sich dabei auch immer wieder zeigt: Die Bildungs- und Wissensarbeit ist alles andere als nur attraktiv, sie ist allzu oft ein Kopf-Knochenjob.

In der »Wissensgesellschaft«, in der immer mehr Linke durch die subjektivierende Schule der Aktivierung gegangen und den »Geist des Kapitalismus« geatmet haben, wird uns diese Problematik in Zukunft wohl noch zunehmend beschäftigen. Ein sicheres und sauberes Agieren in diesen Umständen ist so schwierig, ja fast unmöglich, wie moralisch sauberes Einkaufen. Sich dem bewusst zu stellen, ist aber notwendig. Und weil die Situation so widersprüchlich ist, kann die Debatte auch keinen Abschluss finden. Vielmehr muss sie dauerhaft geführt werden und uns zukünftig wie selbstverständlich begleiten.

Peter Ullrich lohnarbeitet als promovierter Soziologe an der Technischen Universität Berlin und engagiert sich unter anderem im Netzwerk »Prekäres Wissen«.

Anmerkungen:

1) bit.do/gaidw

2) prekaereswissen.wordpress.com