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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 616 / 24.5.2016

Aufgeblättert

Kaputtalismus

Fast zehn Jahre nach Beginn der Krise hat sich die Aufregung etwas gelegt, und nachdem lange die Ursachen im Fokus standen, wenden sich viele Autor_innen den vermeintlich »langfristigen Tendenzen« des Kapitalismus zu. So auch der Vielschreiber Robert Misik. Da ist er nicht allein, wenn wir an Paul Mason, Wolfgang Streeck, Jeremy Rifkin oder Immanuel Wallerstein denken, die Misik alle referiert. Der Kapitalismus stoße an seine eigenen Schranken - deshalb auch Kaputtalismus -, habe seine »besten Zeiten hinter sich«, und es sei »sehr unwahrscheinlich«, »dass wir den Kapitalismus, wie wir ihn in den vergangenen 300 Jahren kannten (...) noch einmal flottbekommen«. Da liegt schon ein Problem: Wollen wir das überhaupt? Misik schon. Er will den Kapitalismus vor sich selbst retten, will, wie schon Keynes, die destruktiven Momente des Kapitalismus beseitigen oder regulieren, die vermeintlich positiven aber beibehalten. Auf die Konkurrenz will er nicht gänzlich verzichten, denn sie habe auch ihr Gutes. Zerstörerisch wirkten vor allem die Finanzmärkte, während Gütermärkte zu Stabilität tendierten. Auch wenn das Buch gut geschrieben ist und viele Debatten einem breiten Publikum zugänglich macht, zeigt es einmal mehr, dass es innerhalb der Linken einer grundlegenden Diskussion darüber bedarf, was den Kapitalismus eigentlich ausmacht - und was nicht. Denn so schnell werden wir ihn leider nicht loswerden, den Kaputtalismus.

Ingo Stützle

Robert Misik: Kaputtalismus. Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das glücklich machen? Aufbau Verlag, Berlin 2016. 224 Seiten, 16,95 EUR.

Leichen im Keller

Thriller, Groteske, Gesellschaftsroman, Stadtporträt? Von allem etwas ist Ales Stegers »Archiv der toten Seelen«. Dreh- und Angelpunkt ist die slowenische Stadt Maribor, die 2012 europäische Kulturhauptstadt war. Mitten im Medienrummel und überdies zur Karnevalszeit reisen der aus Maribor stammende Dramaturg Adam Bely und die kubanisch-österreichische Journalistin Rosa Portero an - vorgeblich, um ein Porträt der Stadt zu erstellen, tatsächlich aber in geheimer Mission. Rosa und Adam sind nämlich nicht nur einer bösen Verschwörung auf der Spur, sondern auch als Seelenerlöser unterwegs. Ihre Werkzeuge: Hypnose, Wahrheitsserum, Lügendetektor, scientologisches Know How und kleine Backerbsen, die es auf besondere Weise in sich haben. Klingt schräg? Ist es auch. Tatsächlich kann einem bei der Lektüre von Stegers Debütroman schwindlig werden. Denn Maribor hat ziemlich viele Leichen im Keller: Da kommen nicht nur Korruption und gegenwärtiger Kulturkapitalismus zum Vorschein, sondern auch vergangene Verbrechen. »Archiv der toten Seelen« ist ein Roman, der sich schwer in irgendeine Schublade stecken lässt (die Verlagsinfo bietet Kafka, Gogol und Bulgakow zum Vergleich an). Ales Steger erzählt von historischen Traumata und handfestem Kapitalismus, von Okkultismus und Kommerz und bietet dabei ebenso einen fantastisch-grotesken Kommentar zur europäischen Kulturgeschichte wie eine bissige Satire des gegenwärtigen Kulturbetriebs. Ein sonderbarer, spannender und unterhaltsamer Text.

Stephanie Bremerich

Ales Steger: Archiv der toten Seelen. Schöffling und Co., Frankfurt am Main 2016. 336 Seiten, 22,95 EUR.

Nanni Balestrini

In seinem jüngsten, auf Deutsch bei einem anarchistischen Kollektivverlag aus Wien erschienenen (Kurz-)Roman lässt Nanni Balestrini einen italienischen Kommunisten der Nachkriegszeit aus seinem Leben und von seinen Kämpfen erzählen. Der anonym bleibende Protagonist blickt zurück auf die Resistenza, seine Haft in einem norddeutschen Konzentrationslager, harte Streiks in den sardischen Kohlebergwerken von Carbonia sowie militante Auseinandersetzungen um günstigen Wohnraum. 2013 in Italien erschienen, stammt der der Ausgabe zugrunde liegende Text bereits aus den 1970er Jahren. Mit »Carbonia« erweist Balestrini sich einmal mehr als literarischer Chronist der Neuen Linken in Italien. Wie auch in anderen Romanen wie »Die Unsichtbaren« verzichtet er dabei auf jede Interpunktion im Text. Auch gibt es weder Dialoge noch Kommentare zum Bericht des stets mit den Verhältnissen unversöhnlichen Protagonisten. Nach anfänglicher Irritation erzeugt dieser Schreibstil eine besondere Wirkung. Es entsteht der Eindruck, dass diese Geschichte ganz unmittelbar und direkt der Leser_in erzählt wird. Der Roman ist letztlich ein Bericht über ein proletarisches Leben im Widerstand und jene Möglichkeiten, die nur aus kollektivem Handeln entstehen können. Was bleibt ist die Frage, ob es sich bei Balestrinis klassenkämpferischen Protagonisten nicht um eine längst historische gewordene Figur handelt und wie eine vergleichbar militante Biographie in der Gegenwart aussehen würde.

Markus Baumgartner

Nanni Balestrini: Carbonia. Wir sind alle Kommunisten. Roman. bahoe books, Wien, 2016. 86 Seiten, 8,80 EUR.

Das rote Jahrhundert

Der sprachlich außerordentlich gelungene Sammelband verfolgt in 19 Beiträgen die vielfältigen Entwicklungspfade linker Persönlichkeiten, Organisationen und Strömungen, die sich zwischen der Sozialdemokratie und dem Parteikommunismus bewegten, dabei neue Perspektiven eröffneten und heute vielfach vergessen sind oder zumindest kaum noch erinnert werden. Christoph Jünke versteht seine zum größten Teil zuvor anderenorts veröffentlichten Texte als Selbstverständigung, Erinnerungsarbeit und Spurensuche vor dem Hintergrund der vielfältigen linken Zerfallsprozesse seit Ende der 1980er Jahre. Dabei erweist er sich als aufmerksamer und kritischer Chronist, der vor allem für die jüngeren Generationen aufschlussreiche und wertvolle Betrachtungen und Analysen bereithält. Näher betrachtet er u.a. Karl Liebknecht, den Austromarxismus, Victor Serge, Jacob Moneta, Peter Brückner sowie die Neue Linke und deren Vorgänger der 1950er Jahre. Ferner kommentiert er u.a. die Entwicklung der Zeitschrift konkret und den - in der Linken nicht seltenen - Vorwurf des Sektierertums. Jünke betont insbesondere den Aspekt des Scheiterns der verschiedenen Ansätze, ohne einen belehrenden oder wehmütigen Ton oder eine pessimistische Grundhaltung anzunehmen. Alles in allem ist der Band ein wichtiger, lesenswerter Beitrag zur Geschichte der gesellschaftlichen Linken im vergangenen Jahrhundert, der zugleich aber mehr bietet als nur den Blick zurück.

Sebastian Klauke

Christoph Jünke: Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert. Laika Verlag, Hamburg 2014. 320 Seiten, 21 EUR.