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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 640 / 21.8.2018

»100 Stunden am Stück, aber anständig bezahlt«

Wirtschaft & Soziales Marijam Didzgalvyte hat eine Gewerkschaft gegründet - für alle, die im Bereich Spieleentwicklung arbeiten

Interview: Nina Scholz

Marijam Didzgalvyte schreibt als Journalistin über Games und die Spieleindustrie. Sie lebt in London, wo sie vor zehn Jahren als »Wirtschaftsflüchtling aus Litauen« gelandet ist. Vor ein paar Monaten hat sie mit einigen Mitstreiter_innen eine Gewerkschaft für Spieleentwickler_innen gegründet, die Anfang des Jahres, auf der »Game Developers Conference« in San Francisco, als »Game Workers Unite« ins Leben gerufen wurde.

Sie arbeiten als Journalistin im Games-Bereich. Was interessiert Sie daran?

Marijam Didzgalvyte: Ich war immer eine Gamerin, habe schon immer gezockt. Aber vor ein paar Jahren ist mir aufgefallen, wie sehr sich die Spieleindustrie wandelt. Dort werden mittlerweile mehr Profite als in der Filmindustrie erwirtschaftet. Der Games-Bereich ist außerdem ein Nährboden für rechte Ideologien. Es passiert dort sehr viel, aber es wird kaum darüber berichtet.

Vor wenigen Monaten haben Sie Game Workers Unite, eine Gewerkschaft für Spieleentwickler, gegründet. Warum? Verdienen Entwickler nicht sehr viel Geld?

Früher war das so, mittlerweile sind die Arbeitsbedingungen oft schlecht. Jobs werden zum Beispiel in einer Art Wettbewerb an Hunderte Programmierer oder Designer vergeben, und am Ende bekommt nur der Gewinner ein Honorar. Es gibt Null-Stunden-Verträge: Man arbeitet, um bekannt zu werden, und bekommt keinen Lohn. Die Chefs dieser Firmen wissen, dass sie es sich leisten können, ihre Arbeiter schlecht oder gar nicht zu bezahlen. Bisher gelang ihnen das auch, weil es gar keine gewerkschaftliche Organisierung gibt. Die Arbeiter und Arbeiterinnen in der Spieleindustrie schlagen sich ganz alleine auf dem Arbeitsmarkt durch und treten gegeneinander an. Im Grunde haben sie keinerlei Arbeitsrechte. Die wollen wir jetzt erkämpfen.

Und wie sieht es bei den Spieleentwicklern selbst aus? Haben die überhaupt ein Interesse, sich in einer Gewerkschaft zu organisieren?

Das Interesse ist tatsächlich groß. Viele sind sehr unzufrieden, aber die meisten wollen noch nicht öffentlich darüber reden, weil sie Angst vor ihren Arbeitgebern haben. Manche schämen sich auch, dass sie so viel arbeiten und so wenig verdienen. Für andere ist es noch ganz neu, über Lohn und Arbeitsbedingungen nachzudenken, weil sie ja ihren Traumjob haben: einen, bei dem sie genau das machen, was sie immer wollten.

Wer kann denn alles bei der Gewerkschaft mitmachen?

Alle, die sich irgendwie als Gamer verstehen: Programmierer, Designer, Accountmanager, Journalisten, die darüber schreiben, Social-Media-Manager. Alle, die in der Spieleindustrie arbeiten, und da gibt es zahlreiche Jobs.

Was wollen Spieleentwickler, was andere Arbeiter und Arbeiterinnen nicht wollen?

Eine der ersten Forderungen von Game Workers Unite war die 40-Stunden-Woche, aber viele Gamer hatten Einwände dagegen und haben gesagt: »Wenn wir programmieren, machen wir das auch gerne mal 100 Stunden am Stück. Aber wir wollen dafür ordentlich bezahlt werden, das dürfen keine unbezahlten Überstunden sein.« Davon war selbst ich überrascht.

Ich kann mir vorstellen, dass eine Gewerkschaft in der Spielebranche nicht nur Fans hat.

Bekannte Personen aus der Alt-Right-Bewegung behaupten, dass wir Spiele »politisch korrekt« machen wollen, also in ihren Augen langweilig. Sie haben wirklich keine Ahnung, wie eine Gewerkschaft funktioniert. Hier in England werden wir derzeit noch ignoriert, vor allem von linksliberalen Zeitungen. Über »Gamergate«, eine sexistische Hashtag-Kampagne in der Gamer-Kultur, wurde viel debattiert, das Gewerkschaftsthema ist den meisten Medien egal.

Wie reagieren denn eigentlich die Spiele-Firmen auf Game Workers Unite?

Viele Indie-Firmen freuen sich, dass es uns gibt. Die kommen sogar auf uns zu. Diese Firmen werden oft von Entwicklern gegründet, die die Arbeitsbedingungen bei den großen Games-Publishern satt haben und es anders machen wollen. Die fragen uns: Wie können wir helfen, die Arbeitsbedingungen konkret zu verbessern? Die großen Spielefirmen haben bisher noch nicht reagiert, aber die werden wir natürlich herausfordern: Wir werden dort die Arbeiter organisieren und haben auch kein Problem damit, vor ihren Hauptstandorten zu demonstrieren. Sie haben viel Angst vor schlechter PR. Wir haben einiges geplant, aber was genau kann ich natürlich noch nicht verraten.

In der Tech-Branche ist Sexismus und Diskriminierung von Frauen gerade ein großes Thema. Beschäftigt Sie das auch?

Und wie! Aber es geht fast immer um Karrieremöglichkeiten, darum, dass Frauen bessere Jobs haben sollen, wie sie in die Chefetage aufsteigen könnnen. Uns geht es aber um die Arbeitsbedingungen, um fairen Lohn, um Solidarität untereinander. Viele Frauen klagen über sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz. Darum müssen wir uns kümmern.

Game Workers Unite gibt es bereits in den USA und Großbritannien, auch in Deutschland und Frankreich regt sich was - aber wie sieht es mit den Ländern des Globalen Südens aus? Viele Jobs in der Spiele- und Techbranche werden mittlerweile dorthin vergeben.

Dort passiert jetzt schon viel mehr als hier, wir wissen es nur nicht, weil die meisten Medien nicht darüber berichten. Es gab in den letzten Jahren Tausende Streiks im Techniksektor, ziviler Ungehorsam passiert quasi täglich. Die Programmierer und Callcenter-Arbeiter arbeiten dort lange Schichten für Hungerlöhne, verrichten die Arbeiten, die bei uns niemand erledigen möchte. Die Hardware wird in Foxconn-Fabriken in China unter widrigsten, lebensbedrohenden Bedingungen zusammengebaut - und wir haben bis heute keine vernünftige Antwort darauf, wie hier praktische Solidarität aussehen könnte.

Wie will Ihre Gewerkschaft das angehen?

Ich hatte bisher nur ein paar Skype-Gespräche mit Tech-Arbeitern dort, allerdings während ihrer Arbeitszeit. Das bringt gar nichts, weil sie nicht ehrlich antworten können, da sie überwacht werden. Wir müssen uns überlegen, wie wir sie bei ihren Kämpfen unterstützen können und wie sie auch in Europa und den USA gehört werden können. Unsere Aufgabe ist es außerdem, die ökonomischen Zusammenhänge aufzuzeigen, schließlich wird unser Erfolg, unser Reichtum auf dem Rücken der Menschen dort erwirtschaftet.

Lange Zeit gab es gar keine Organisierung im Tech-Bereich. Doch gerade haben sich Google-Mitarbeiter zusammengetan und gemeinsam »Project Maven« gestoppt, eine Kooperation zwischen Google und dem Pentagon, um Waffen zu bauen, die von künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Macht Ihnen das Hoffnung?

Es ist wichtig, »Project Maven« und ähnliche Projekte zu stoppen. Da geht es um Kriegsführung, also um Leben und Tod. Aber alle Aktionen, die Aufmerksamkeit darauf lenken, was die Technologieunternehmen bauen und wie sie arbeiten, sind hilfreich. Gerade diese Programmierer tragen viel Verantwortung! Viele von ihnen verstehen erst jetzt, dass sie im Silicon Valley keine Utopie bauen, sondern dass ihre Produkte sehr reale, weitreichende und negative Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen haben. Bei solchen Aktionen entstehen auch Beziehungen unter den Arbeitern, sie lernen sich kennen. Und es ist immer großartig, wenn Arbeiter sich organisieren. Die bestehende Gewerkschaftsarbeit krankt ja oft daran, dass das einfach nur große, unpersönliche Bürokratien sind. Die Menschen müssen sich aber kennenlernen, nur so können sie gemeinsam kämpfen. Ich finde das also gut!

Wie geht es jetzt bei Game Workers Unite weiter?

Im Moment suchen wir Gamer, die mitmachen möchten. Wir haben ein Mitglieder-Formular. 100 Leute sind eine Abteilung, ab 100 bilden wir eine neue - und wir wachsen gerade enorm. Parallel sprechen wir mit schon existierenden Gewerkschaften und finden heraus, welche uns aufnehmen würde, welche uns unterstützen würde. Wir wollen nicht bei null anfangen, und sich einer bestehenden Gewerkschaft anzuschließen, hat den Vorteil, dass es schon ein organisatorisches Grundgerüst gibt, etwa Anwälte, die helfen und beraten können. Wir werden auch ernster genommen, wenn wir zu einer bestehenden Gewerkschaft gehören - vor allem wenn es eine ist, die radikal ist und vor der die Unternehmen Angst haben!

Nina Scholz arbeitet als freie Journalistin in Berlin. In ak 627 schrieb sie über die Arbeitsbedingungen von Fahrer_innen der Essenslieferplattformen Foodora und Deliveroo, die begonnen haben, sich zu organisieren.