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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 640 / 21.8.2018

Wenn queer sein kriminell ist

International Der Filmemacher Kamoga Hassan über das Queer Kampala International Film Festival in Uganda

Interview: Merle Groneweg

Nach dem Mord an dem bekannten ugandischen Schwulenaktivisten David Kato im Jahr 2011 beschloss Kamoga Hassan, selbst Filme über queere Themen zu machen. In dem Dokumentarfilm »My Opinion« befragte er Menschen zu der Ermordung Katos und zum Anti-Homosexualitäts-Gesetz, das zwischen 2009 und 2014 im ugandischen Parlament diskutiert wurde. Seit 2016 organisiert Hassan das Queer Kampala International Film Festival.

Was interessiert dich an Film als Medium?

Kamoga Hassan: Film ist für mich eine politische Waffe. Mit Filmen lassen sich sehr viele Menschen erreichen, sie können die Gesellschaft beeinflussen und Wandel herbeiführen. Deshalb haben Diktatoren auf der ganzen Welt Angst vor Filmemachern und versuchen, Filmschaffende zu bekämpfen, aber Künstler haben es immer geschafft, eine Plattform für ihre Anliegen zu finden.

Wie kam diese Plattform für queere Filme in Kampala zustande?

Die Idee für das Festival hatten wir bereits 2015, aber damals hatten wir noch zu viel Angst. Das Festival sollte offen für alle sein, aber wir wussten nicht, wie wir das bewerkstelligen sollen. Während dieser Zeit hat die Regierung alle anderen LGBT-Events in Uganda aufgelöst. Für die Regierung gelten Veranstaltungen wie unser Filmfestival als Plattformen, die Homosexualität fördern. Wir haben daher nach einem Weg gesucht, um Leute zu mobilisieren, ohne irgendwelche Probleme zu bekommen. Unser Festival ist also nicht wie andere LGBT-Filmfestivals auf der Welt, bei denen Leute einfach Filme schauen können, ohne bedroht zu werden.

Wie ist es euch schließlich gelungen, im Dezember 2016 das erste Festival zu veranstalten?

Wir haben unser Festival dann »underground« gemacht. Es wurde nicht im Radio oder Fernsehen beworben, sondern nur über soziale Medien, und wir haben Orte in Kampala aufgesucht, die als LGBT-freundlich gelten. Ein Team aus 20 Ehrenamtlichen hat den Leuten dort persönlich vom Festival erzählt, allerdings nicht, wo es stattfinden würde. Wer Interesse hatte, musste uns über unsere Webseite kontaktieren und uns ein paar Fragen beantworten: woher sie von QKIFF wissen, warum sie es besuchen wollen. Wir mussten herausfinden, ob uns jemand gefährlich werden könnte, damit alle, die kommen, sicher sind. Das war viel Arbeit, und natürlich gab es auch Leute, die wegen dieses strikten Verfahrens nicht kamen. Trotzdem war es ein großer Erfolg: Über die drei Tage hinweg kamen über 800 Besucher! Es war in dem Jahr das einzige LGBT-Event, das erfolgreich war - im August hatte die ugandische Polizei die Pride-Veranstaltung aufgelöst.

Seid ihr 2017 dann ähnlich vorgegangen?

Ja. Allerdings gab es nach dem ersten Festival harsche Gegenreaktionen in Medien und Politik. Leute in der Regierung haben sich gefragt, wie das Festival ohne die Erlaubnis beziehungsweise sogar ohne das Wissen der Regierung stattfinden konnte. Einigen Verantwortlichen in der Polizei wurden deshalb Vorwürfe gemacht. 2017 wusste die Polizei ganz genau, dass das Festival stattfinden würde, aber nicht wo. Aber irgendjemand, der gekommen ist, um die Filme zu gucken, muss die Information an die Polizei weitergegeben haben, sodass die Polizei das Festival aufgelöst hat. Es war so traurig, 2017 hätte ein großer Erfolg sein können.

Wie gelingt es euch unter diesen Bedingungen überhaupt, die finanziellen Mittel für das Festival einzuwerben?

Es ist sehr schwierig, in Uganda Finanzierung für LGBT-Events zu bekommen. Außerdem wollen wir, dass das Festival offen für alle ist, es kostet keinen Eintritt. Aber der Veranstaltungsort, die Technik und die Vorführgebühren für die Filme kosten natürlich Geld. Fundraising spielt daher eine wichtige Rolle für unsere Arbeit. Für das erste Festival haben wir eine Onlinekampagne gestartet, unsere Freunde auf der ganzen Welt haben uns unterstützt. Außerdem hat uns die dänische Organisation Movies that Matter Geld gegeben. Der Großteil unserer finanziellen Mittel kommt von außerhalb Afrikas.

Apropos Vorführgebühren - ist es schwierig, an die Filme zu kommen, die ihr zeigen wollt?

Normalerweise veröffentlichen wir über die Plattform FilmFreeway einen Aufruf zur Einreichung von Filmen. Für das kommende Festival im Dezember wurden schon jetzt mehr als 100 Filme eingereicht, dabei brauchen wir nur 40 - und es werden sicherlich noch viele mehr. Zu unserer Überraschung ist es also nicht schwer, an Filme zu kommen. Wir sind zwar ein neues Festival, aber Filmemacher aus der ganzen Welt wollen ihre Filme hier trotzdem zeigen. Wir feiern sogar Weltpremieren. Die Leute wissen also, wie wichtig unser Festival ist. Mit einem Festival in einem Land wie Uganda, wo es kriminalisiert ist, queer zu sein, schenken wir all jenen Menschen eine Stimme, die an Orten leben, wo sie diese Filme nicht zeigen, sehen oder darüber diskutieren können.

Worauf achtet ihr bei der Auswahl der Filme?

Wir zeigen Filme, in denen Menschen ihre Identitäten akzeptieren lernen, Diskriminierung bekämpfen, politisch aktiv werden und sich verlieben. Wir wollen hoffnungsvolle Botschaften nach Uganda bringen und zeigen, dass wir nicht alleine sind. Und wir wollen die Leute wissen lassen, dass es überall LGBT gibt, denn die ganze Zeit wird uns gesagt, dass queer sein »unafrikanisch« wäre. Viele Menschen glauben, dass Homosexualität ein Import aus dem Westen ist. Wir versuchen deshalb, uns nicht so sehr auf Uganda zu fokussieren, und zeigen Filme aus anderen afrikanischen oder auch asiatischen Ländern.

Es ist gar nicht so leicht, queere Filme aus diesen Regionen zu finden. Wie erlebt ihr das?

Als wir das Festival das erste Mal veranstaltet haben, hatten wir nicht so viele Einreichungen aus Afrika oder anderen Regionen, wo es schwierig ist, queer zu sein. Die meisten Filme kamen aus westlichen Ländern. Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren zwar einige Filme über die LGBT-Community in Uganda oder andernorts entstanden sind, aber meistens nicht von Leuten gemacht wurden, die selbst dort leben. Die wenigen Filme, die wir über diese Länder dann also überhaupt kriegen konnten, wurden von westlichen Filmemachern gemacht. Aber das ändert sich jetzt, wir erleben da einen Wandel. Vorher hatten Leute keine Orte, an denen sie ihre Filme zeigen konnten. Jetzt haben wir das Festival in Uganda und zeigen dort Filme aus Nigeria, Kenia, Ägypten. Wir müssen Plattformen schaffen, in denen Filmschaffende tatsächlich für ihre Arbeit anerkannt werden.

Wie ergeht es diesen auf anderen Filmfestivals?

Die LBGT-Filmfestivals außerhalb Afrikas zeigen selten Filme aus Afrika - es sei denn, der Film kommt von einem westlichen Filmemacher. In den meisten Fällen sagen sie uns, dass unsere Filme keinen hohen Marktwert haben. Wenn der Film keine tollen Bilder hat oder sich nicht gut vermarkten lässt, qualifiziert er sich nicht für ihr Festival. Sie ziehen nicht in Betracht, ob die Geschichte, die erzählt wird, wichtig ist. Wir schauen nach der Botschaft im Film. Die Filme, die wir zeigen, haben oft nicht denselben Marktwert wie Filme von westlichen Filmemachern. Aber unsere Realität ist auch nicht dieselbe.

Warum ist es so wichtig, dass ein Film von jemandem gemacht wird, der selbst in dem Land lebt?

Wenn du einen Film über die ugandische LGBT-Community zeigst, der von jemandem gemacht wurde, der nicht aus Uganda kommt, wird das ugandische Publikum den Film nicht so gut auffassen. Sie glauben dann, dass der Film die westliche »Gay Agenda« verbreiten will. Wenn jemand aus Uganda selbst den Film macht, lassen sich die Menschen eher auf die Geschichte ein.

Der Film von Wanuri Kahiu »Rafiki« erzählt eine lesbische Coming-of-Age-Geschichte und ist der erste kenianische Film, der je nach Cannes eingeladen wurde. Wie hast du diese Weltpremiere erlebt?

Der Film ist gerade in aller Munde, ich habe ihn noch nicht gesehen, will das aber bald machen. Ich finde es total wichtig, dass der Film von einer kenianischen Filmemacherin kommt. Leider wurde der Film in Kenia verboten, sodass die Menschen in Kenia keine Möglichkeit haben, den Film zu sehen. Die kenianische Filmbehörde sagt, dass der Film Homosexualität verbreiten will.

»Rafiki« hat unter anderem Gelder aus europäischen Fördertöpfen bekommen. Das ist eine Möglichkeit für afrikanische Filmschaffende, um ihre Filmideen zu verwirklichen, birgt jedoch auch Schwierigkeiten.

Als afrikanischer Filmemacher stehst du mit Filmemachern außerhalb deines Kontinents im Wettbewerb. Wenn du zum ersten Mal einen Film machst, ist es sehr schwer, Gelder dafür zu bekommen. Die wenigen Leute, die darin erfolgreich sind, Gelder zu sichern, haben ihre europäischen Partner, und das hat seinen Preis. Zum Beispiel kann das die Originalität der Geschichte beeinflussen, um den Geschmack des europäischen Publikums zu treffen. Wenn solche Filme letztendlich nach Hause kommen, kann es sein, dass das lokale Publikum sie als Filme empfindet, die für ein westliches Publikum gemacht wurden.

Welche Förderstrukturen wünscht du dir?

Wir haben selbst das QKIFF Filmmaking Lab gegründet. Wir wollen Menschen in Ländern, wo Queersein kriminalisiert ist, empowern, ihre eigenen Geschichten mit ihren eigenen Bildern zu erzählen. Dann können auch andere Leute in diesen Ländern verstehen, was es bedeutet, queer zu sein.

Was genau plant ihr mit dem QKIFF Filmmaking Lab?

Wir möchten gerne Leute, die das erste Mal einen queeren Film machen - an einem Ort, wo das kriminalisiert ist - zu uns zum QKIFF bringen. Filmfestivals sind immer eine tolle Möglichkeit, um zusammenzukommen, gemeinsam zu lernen, sich zu vernetzen und zu feiern. Mit dem Filmmakers Lab möchten wir Fachkenntnisse an LGBT vermitteln, damit sie ihre Geschichten mit ihren eigenen Worten und Bildern erzählen können. Die Teilnehmenden sollen in Kleingruppen Kurzfilme machen, die dann ihre Premiere bei dem dritten QKIFF dieses Jahr im Dezember feiern und bei befreundeten Filmfestivals auf der ganzen Welt laufen sollen. Wir wollten das bereits letztes Jahr machen und zwölf Leute aus afrikanischen Ländern zusammenbringen, hatten aber nicht genug Geld für die Flugtickets, Unterkunft und Workshops. Jetzt versuchen wir, noch mehr Fundraising zu machen - und wir suchen nach Professionellen aus der Filmindustrie, die unbezahlt Workshops geben, oder Organisationen, die uns ihre gebrauchte Filmtechnik und Computer geben. Wir hoffen sehr, dass es dieses Jahr mit dem Lab klappt!

Die Arbeit des QKIFF kann unter www.gofundme.com/Queerkampala mit Spenden unterstützt werden.

Das Anti-Homosexualitäts-Gesetz

»Geschlechtsverkehr gegen die natürliche Ordnung« stand bereits seit der britischen Kolonialzeit unter Strafe. Das Anti-Homosexualitäts-Gesetz wurde maßgeblich durch den Einfluss US-amerikanischer Evangelikaler vorangetrieben. Es sah im ersten Entwurf die Todesstrafe für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen vor, in der zweiten Fassung wurde die Todesstrafe durch lebenslange Haft ersetzt. Im Dezember 2013 wurde das Gesetz vom ugandischen Parlament verabschiedet. Im August 2014 erklärte das Verfassungsgericht das Gesetz aus formellen Gründen für nichtig. Homosexualität steht jedoch weiterhin unter Strafe.