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Verein fuer politische Bildung, Analyse und Kritik e.V.

ak logo ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 649 / 21.5.2019

Frankfurt ist überall

Antimuslimischer Rassismus Sowohl »islamkritischem« als auch intersektionalem Feminismus fehlt es an radikaler Kritik an der Unterdrückung von muslimischen Frauen

Von Bahar Sheikh

Was denken Feminist*innen über den Islam, was über muslimische Frauen? Immer wieder wird das Verhältnis von Frauenrechten bzw. Feminismus und dem Islam verhandelt, immer wieder stehen sich grob zwei Lager, die beide behaupten für oder im Interesse von muslimischen Frauen zu sprechen, gegenüber. Die aktuelle Folge des Feminismus-und-Islam-Dramas: Die Ethnologin und Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums »Globaler Islam« Susanne Schroeter lud in der Goethe Universität zu einer Konferenz zum Thema - Achtung, jetzt wird's innovativ - Kopftuch ein und besetzte das Podium unter anderem mit Necla Kelek und Alice Schwarzer. Doch damit nicht genug - es hat sich eine studentische Gruppe formiert, die sich an der Einladung von Schwarzer und Kelek zu einer solchen Konferenz störte und in den sozialen Medien unter #schroeter_raus ihren Unmut kundtat. Die Aktion weckte im Vorfeld der Veranstaltung das Interesse aller großen Medien, die Konferenz war überlaufen, ein Dutzend Student*innen protestierte vor dem Gebäude.

Überraschend ist der Ablauf der ganzen Geschichte nicht, die Konfliktlinien sind altbekannt: Sogenannte Islamkritiker*innen wie Schwarzer und Kelek begreifen muslimische Frauen als unterdrückt und wollen sie »befreien«. Aktivist*innen gegen antimuslimischen Rassismus auf der anderen Seite wehren sich gegen den paternalistischen Befreiungsdiskurs.

Verschleierung

Feministische Organisationen wie Terre des Femmes oder die auflagenstärkste feministische Zeitschrift Emma sind maßgeblich an einer Stereotypisierung der muslimischen Frau als Opfer einer rückständigen Religion beteiligt. Oft verknüpfen sie diese mit Kritik am Islamismus. Viele Feminist*innen des »islamkritischen« Lagers sind damit schwer inhaltlich und politisch nach rechts abgrenzbar. Von diesen Feminist*innen werden immer wieder Verschleierungsverbote gefordert. Das Kopftuch als eindeutig erkennbares religiöses Symbol steht im Zentrum dieses Frauenrechtsdiskurses. Es als Symbol der Unterdrückung oder Unterwürfigkeit von muslimischen Frauen zu bezeichnen ist nicht nur rassistisch, sondern auch eine verkürzte Kritik an patriarchalen Strukturen. Durch den Fokus auf das Kopftuch geraten Anliegen von muslimischen Frauen und ihre strukturelle Diskriminierung in den Hintergrund. Wenn sich also Kopftuchverbote durchsetzen würden, verschwände zwar das Stück Stoff, doch der Sexismus und Rassismus gegen Musliminnen und frauenfeindliche Strukturen in den Communities blieben bestehen.

Der Islam

Unterdrückung von muslimischen Frauen wird von besagten Feminist*innen direkt auf den Islam zurückgeführt. Doch auch Feminist*innen und Aktivist*innen, die sich als muslimisch verstehen, tappen in diese Falle.

Islamische oder muslimische Feminismen versuchen den Islam zugunsten von Frauen und Queers zu reformieren und bedienen sich jeweils theologischen oder säkularistischen Argumentationen. Vertreter*innen des Islamischen Feminismus wie die Genderforscherin Lana Sirri, die ein gleichnamiges Buch zum Thema verfasste, versuchen die für Frauenrechte relevanten Stellen im Quran, eine der Primärquellen der islamischen Rechtsprechung, mithilfe islamrechtlicher Methoden egalitär zu interpretieren. Das passiert sowohl durch linguistische Arbeit und Kritik an androzentrischen Übersetzungen, als auch durch historische oder situationsbedingte Kontextualisierung der entsprechenden Passagen. Doch was, wenn feministische Werte im Widerspruch zur Religion stehen? Darauf kann Sirri keine befriedigenden Antworten bieten. Es erscheint konstruiert, den Quran egalitär uminterpretieren zu wollen, damit er mit einem modernen Verständnis von Feminismus vereinbar ist.

Nicht nur deswegen greifen Ansätze wie der Islamische Feminismus zu kurz - eine egalitäre Reinterpretation des Quran ohne die entsprechende Definitionsmacht bleibt eine rein akademische Übung. Selbst wenn man aufzeigt, wie jahrhundertelange männliche Dominanz in der Theologie das muslimische Verständnis des Qurans beeinflusst hat, ändert das noch lange nichts an den Lebensrealitäten der Mehrheit der muslimischen Frauen. In muslimisch geprägten Ländern oder muslimischen Communities in Europa ist nämlich der Islam nicht alleinverantwortlich für das Patriarchat - sondern einer von vielen Faktoren, die zu der Unterdrückung von Frauen und ihrer Legitimation beitragen.

Die Komplexität von Frauenunterdrückung bei Muslim*innen anzuerkennen, so wie sie bei der Unterdrückung von nicht-muslimischen Frauen anerkannt wird, heißt sowohl religiöse als auch sozioökonomische, kulturelle und historische Faktoren einzubeziehen. Das Bestreben die Unterdrückung von muslimischen Frauen, die in einigen Ländern mit islamischer Gesetzgebung oder der Vorherrschaft des politischen Islam zusammenhängt, durch eine neue Interpretation des Qurans zu bekämpfen, ist im weitesten Sinne unmaterialistisch und verkennt die tatsächlichen Machtverhältnisse, die erstens im Quran selbst gespiegelt werden und zweitens zu einer Tradition der explizit frauenfeindlichen Auslegung des Qurans geführt haben. Eine radikale Kritik an männlicher Dominanz ist im Islamischen Feminismus nicht zu erkennen. Außerdem hat dieser Ansatz eines mit den »islamkritischen« Feminist*innen gemeinsam: Er führt die Ursachen der Unterdrückung von muslimischen Frauen allein auf den Islam und seinen religiösen Text zurück.

Selbstbestimmung

»Muslimische Frauen sind fremdbestimmt« ist ein gängiges Statement von rassistischen Feministinnen. Da tut sich die Frage auf, ob alle anderen Frauen (oder generell Menschen) in unserer Gesellschaft denn selbstbestimmt leben? Der Selbstbestimmungsdiskurs erfüllt für weiße Frauen die Funktion sich emanzipierter zu fühlen. Denn nur so entsteht der Eindruck als hätten weiße, nicht-muslimische Frauen das Ideal der Selbstbestimmung bereits erreicht.

Die Gegenseite, oft Feminist*innen, die ihren Feminismus als intersektional verstehen, greifen das Schlagwort gerne auf um zu beweisen, wie selbstbestimmt auch sie leben und dass sie weißen, nicht-muslimischen Frauen in nichts nachstehen. Ein häufiges Argument in der Kopftuchdebatte ist, dass viele Musliminnen das Kopftuch selbstbestimmt tragen und es nur darauf ankomme, dass man die Wahl habe. So werden nur ganz bestimmte, kulturalisierte Aspekte von Selbstbestimmung verhandelt. Abhängigkeitsbeziehungen, die die Leben von nicht-muslimischen wie muslimischen Frauen prägen, lassen alle Parteien gerne außen vor.

Hier wird der intersektionale Feminismus seinen Ansprüchen nicht gerecht. Oft ist man, wie die oben erwähnte Gruppe gegen die Konferenz in Frankfurt, damit beschäftigt den Rassismus des Gegenübers anzuprangern. Eine kritische Auseinandersetzung mit der mehrdimensionalen Unterdrückung von Musliminnen fehlt - zu der gehört neben dem Rassismus und Sexismus aus der sogenannten Mehrheitsgesellschaft auch Sexismus in den eigenen Communities und die Auseinandersetzung mit der Rolle konservativer und frauenfeindlicher islamischer Verbände. So zu tun, als wäre die eigene Community frei von Sexismus, oder diesen als vernachlässigbar zu betrachten, ist kontraproduktiv, weil man damit genau diese Kritik Feminist*innen wie Schwarzer überlasst.